Das strategische PMI-Management entscheidet über Erfolg oder Misserfolg von M&A-Projekten. Hauptursachen für das Scheitern eines M&A-Projektes sind eine unzureichende Steuerung und eine fehlerhafte Reduktion der Komplexität der PMI. Häufig liegt der Fokus des Managements auf der finanziellen Konsolidierung, der Harmonisierung der IT oder der Vereinheitlichung der Prozesse und Organisation. Kulturelle, kommunikative und personelle Aspekte bekommen zu wenig Aufmerksamkeit. Eine synchronisierte Steuerung aller Perspektiven in einem ganzheitlichen Managementansatz ist jedoch die zwingende Voraussetzung für den Erfolg eines M&A-Vorhabens.
Ganzheitlicher Managementansatz für das strategische PMI-Management im Mittelstand
Ein ganzheitliches strategisches PMI-Management gewährleistet die synchronisierte Steuerung aller Erfolgsperspektiven und stellt sicher, dass weiche Erfolgsfaktoren in den Bereichen Kultur, Führung und Kommunikation die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie harte Faktoren der Bereiche Finanzen, Organisation und IT. Integration ist ein strategisches Veränderungsprogramm, das auf Effizienz (Realisierung von Synergien) und Wertschöpfung (Bewahrung und Ausbau des Geschäftsmodells) abzielt. Die Maßnahmen werden in fünf zentrale Perspektiven gegliedert, die simultan und interdisziplinär bearbeitet werden müssen. Für jede der Perspektiven konnten aus der aktuellen Forschung und den eigenen Experteninterviews entscheidende Erfolgsfaktoren für das strategische PMI-Management abgeleitet werden, die sich einzelnen Maßnahmenkategorien zuordnen lassen.
PMI-Perspektive „Strategischer Rahmen“
Aus der übergeordneten Zielsetzung wertorientierter Unternehmensführung heraus bildet innerhalb der Perspektive „Strategischer Rahmen“ die Maßnahmenkategorie „Strategisches Leitbild“ mit den Erfolgsfaktoren Mission, Vision und Werte den Kern des PMI-Managements. Die „strategischen Ziele“ der PMI müssen messbar abgeleitet werden. Experten empfehlen einen konservativen Realismus, überschätzte Synergiepotenziale und unterschätzte Integrationskosten können zum Scheitern führen. Integrationsgeschwindigkeit und Integrationsgrad müssen situativ und flexibel angepasst werden: schnell bei technischen Synergien, behutsamer bei der kulturellen Integration. Wachstum und Stabilität werden als Ziele hervorgehoben, da sie Ängste und Unsicherheiten bei Mitarbeitenden reduzieren.
PMI-Perspektive „Finanzen und Risiken“
Die Perspektive „Finanzen und Risiken“ definiert Maßnahmenkategorien und Erfolgsfaktoren in Bezug auf die Integration der IT- sowie ERP-Systeme und deren Weiterführung als Basis für Planung, Berichtswesen und Rechnungslegung.
Die schnelle IT-/ERP-Integration und Etablierung eines transparenten Berichtswesens sind kritisch, um die finanzielle Stabilität und das Budget zu kontrollieren. Das Risikomanagement schätzt die mit der PMI verbundenen Risiken und den Finanzierungsbedarf realistisch ein. Geeignete Maßnahmen müssen die finanzielle Stabilität steuern und ein umfassendes Controlling sicherstellen.
Optimismus und „Bauchgefühl“ der Eigentümer müssen durch eine strukturierte Risikoerfassung und ein Frühwarnsystem ersetzt werden. Klare Regelungen zur Family Governance und neutrale Aufsichtsgremien sind notwendig, um strategische Irrwege, die aus zu starker emotionaler Verbundenheit resultieren können, zu verhindern. Eine transparente, kompetenzbasierte Nachfolgeplanung sichert die langfristige Stabilität. Legale Aspekte und Compliance-Regelungen müssen als Risiken proaktiv adressiert werden.
PMI-Perspektive „Märkte und Kunden“
Die Perspektive „Märkte und Kunden“ definiert Erfolgsfaktoren im Kundenmanagement. Überlegungen zu Marktposition, Zielmärkten, Produktportfolio, Produktionsstruktur, Markenintegration und zum Erhalt von Schlüsselieferanten werden als „Geschäftsmodell“ zusammengefasst. Eine offene, zeitnahe Kundenkommunikation und der Erhalt der Ansprechpartner sind essenziell. Die Geschwindigkeit der Umstellung in der Marktbearbeitung muss angemessen sein, und die Integration der Marken ist als Treiber des Unternehmenswerts wichtig. Der Erhalt strategischer Schlüssellieferanten ist Teil der Risikominimierung.
PMI-Perspektive „Prozesse und Organisation“
Innerhalb der Perspektive „Prozesse und Organisation“ schaffen Maßnahmen operative Strukturen und Prozesse, steuern die Umsetzung und harmonisieren die Abläufe. Beim Projektmanagement geht es um die kompetenzbasierte Zusammenstellung eines Integrationsteams, die Einrichtung eines Cockpits zur Projektsteuerung und die Bereitstellung erforderlicher Ressourcen. Ein professionelles Project Management Office (PMO) und ein „sichtbares“ Integrationsteam aus verschiedenen Funktionsbereichen mit klaren Zuständigkeiten und Entscheidungsfreiräumen sind entscheidend.
Eine transparente interne Kommunikation schafft Akzeptanz und Vertrauen. Die externe Kommunikation mit Kunden, Lieferanten und Medien muss die Sinnhaftigkeit des Zusammenschlusses vermitteln. Änderungen von Aufbauorganisation und Prozessen stehen im engen Zusammenhang mit Synergien, Risiken, Geschwindigkeit und Grad der Integration. Die Organisation muss die strategischen Ziele widerspiegeln. Eine Ungewissheit über die zukünftige Organisationsstruktur lähmt das Unternehmen. Die Integration von Führungskräften aus beiden beteiligten Unternehmen führt zu einem ausgewogenen Organigramm.
PMI-Perspektive „Menschen und Kultur“
Aus der Perspektive „Menschen und Kultur“ wird von Experten eine konsequente Unternehmensführung hervorgehoben, die Orientierung und Sinnstiftung bietet. Dazu gehören die Erfolgsfaktoren Human Resources (HR), Veränderungsmanagement und Entscheidungsfindung, die Vertrauen sichern und den Verbleib von Schlüsselpersonen gewährleisten müssen.
Die unzureichende Beachtung der Integration der Unternehmenskulturen sowie die Vernachlässigung der Kommunikation mit Mitarbeitenden gefährden den PMI-Erfolg. Kulturelle Unterschiede müssen einerseits akzeptiert und andererseits aktiv gemanagt werden. Vertrauen, Wertschätzung und Offenheit sind die stärksten Hebel gegen Unsicherheit und Misstrauen. Die für den Mittelstand typische langfristige Orientierung und Flexibilität darf nicht in mangelnde Konsequenz bei unpopulären Personalentscheidungen umschlagen.
Wissensmanagement spielt in mittelständischen Unternehmen eine zunehmende Rolle. Es muss Wissen identifizieren und in Standards überführen. Wissenstransfer muss aktiv gefördert werden, um den Verlust von Know-how zu verhindern. Trotz der im Mittelstand häufigen Skepsis sollten bei fehlender eigener PMI-Erfahrung und bei Spezialfragen (z.B. IT, Recht) externe Berater eingesetzt werden. Lernerfahrungen aus vergangenen Projekten müssen systematisch dokumentiert werden, um sie gezielt nutzen zu können.
Abbildung: Multiperspektivischer PMI-Managementansatz für mittelständische Unternehmen
Die Abbildung zeigt zusammenfassend den ganzheitlichen Managementansatz mit fünf Perspektiven und 13 Maßnahmenkategorien des strategischen PMI-Managements für mittelständische Unternehmen. Der Managementansatz bildet die Grundlage praxisrelevanter Handlungsempfehlungen für das strategische PMI-Management mittelständischer Unternehmen, um die Erfolgsquote zu erhöhen und die spezifischen Risiken im PMI-Management mittelständischer Unternehmen zu reduzieren.
Integratives Cockpit zur erfolgreichen PMI-Steuerung in der Praxis
Die praktische Umsetzung des Managementansatzes erfordert eine weitestgehende Standardisierung von Maßnahmen und Aufgaben, um die Komplexität zu reduzieren. Checklisten sind ein unverzichtbares Instrument für das PMO. Um die Erfolgsfaktoren zu operationalisieren, werden den kritischen Erfolgsfaktoren geeignete Erfolgsindikatoren zugeordnet, die aus Sicht des PMI-Managements für das jeweilige Unternehmen relevant sind. Diese Erfolgsindikatoren bilden die Grundlage individueller Checklisten, mit denen die Erfolgsfaktoren antizipativ und prozessbegleitend qualitativ geprüft und bewertet werden können.
Bei einer beispielhaften PMI-Management-Checkliste für die Maßnahmenkategorie „Projektmanagement“ sind Bewertungen mit „ja/nein“, „erledigt“ oder auch als Ausprägungen auf einer Skala beispielsweise zwischen „gering“ und „hoch“ denkbar.
Entsprechende Checklisten können für alle Maßnahmenkategorien und Erfolgsfaktoren so „automatisiert“ werden, dass ein Ampelsystem mit den bewerteten Indikatoren korrespondiert.
Abbildung: Erfolgsfaktorenbasiertes, ganzheitliches PMI-Cockpit
Kombiniert man kategoriebezogene Checklisten zu einer Gesamtdarstellung, erhält man ein integratives PMI-Cockpit. In dem in der Abbildung beispielhaft dargestellten Cockpit lassen sich aus fünf strategischen Perspektiven in 13 Maßnahmenkategorien die Ausprägungen von 46 Erfolgsfaktoren anhand der ausgewählten Indikatoren zeitgleich betrachten.
Ein PMI-Cockpit kann für mittelständische Unternehmen Gradmesser und Visualisierungshilfe für die komplexen Vorgänge und Interdependenzen innerhalb des PMI-Managements sein. Die synchronisierte Gestaltung der Erfolgsfaktoren ist ein Maßstab für den Erfolg des gesamten PMI-Prozesses und für die wertorientierte Umsetzung der Managementmaßnahmen. Die komplexe Realität wird verdichtet und erlaubt Eigentümerfamilien und Führungskräften jederzeit, mit adäquaten Maßnahmen auf ungewollte Entwicklungen zu reagieren und zeitnah die Auswirkungen strategisch geleiteter Handlungen und Maßnahmen auf die Erfolgsfaktoren innerhalb des PMI-Managements zu verfolgen.
Es ist wichtig, das PMI-Cockpit an die jeweilige unternehmensspezifische Situation anzupassen. Quantitative Ziele und Kennzahlen können für jede der Perspektiven ergänzt werden. Auch eine Verknüpfung mit Anreizsystemen kann zweckmäßig sein.
Fazit und Ausblick
Der multiperspektivische, erfolgsfaktorenbasierte strategische Managementansatz bietet den notwendigen Rahmen, die typischen Fallstricke des PMI-Managements konsequent zu vermeiden, die Erfolgswahrscheinlichkeit der PMI zu erhöhen und deren Risiken zu reduzieren.
Die Ergebnisse der Untersuchung unterstreichen die zentrale Rolle der Eigentümerfamilie als entscheidenden Erfolgsfaktor der PMI. Eigentümerfamilien prägen den strategischen Rahmen, wesentliche Entscheidungen und die Unternehmenskultur sowie die Führung und Organisation des Unternehmens. Sie müssen sich stets ihrer großen Verantwortung bewusst sein, die sich aus dieser zentralen Prägung ergibt. Eine Überbetonung ihrer Rolle, eine Überschätzung ihrer Fähigkeiten, ein Defizit an Fachwissen und Kompetenzen sowie fehlende Konsequenz, Struktur und Verlässlichkeit in der Führung und schließlich auch ein unbegründeter Optimismus in Bezug auf zukünftige Entwicklungen gefährden den strategischen Erfolg der PMI und damit das gesamte Unternehmen.
Der Erfolg wird durch klare Regelungen der Family Governance sowie eine präzise Abgrenzung der Entscheidungsbefugnisse zwischen Eigentümern und Führungskräften gesichert. Zudem müssen ein professionelles Veränderungs-, Projekt- und Wissensmanagement implementiert und fehlende Ressourcen durch externe Berater kompensiert werden. Wenn zusätzlich neutrale Aufsichtsgremien die eigentümergeprägten Entscheidungen kontrollieren, agiert das Unternehmen nicht trotz, sondern gerade wegen der zentralen Rolle der Eigentümerfamilie erfolgreich.
Mittelständische Unternehmer heben häufig die im Vergleich zum Mittelstand unterschiedlichen Strukturen und prägenden Eigenschaften von Private-Equity-Gesellschaften und kapitalmarktorientierten Großunternehmen hervor. Sie sehen deren vermeintlich kurzfristige Denkweise und den Führungsstil kritisch. Es mag negative Beispiele geben, die diese klischeehaften Vorurteile belegen. Tatsache ist aber, dass die Führungen von kapitalmarktorientierten Unternehmen die Interessen ihrer Investoren in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen um eine nachhaltige, langfristige Wertsteigerung des Unternehmens stellen.
Die Ergebnisse der Expertengespräche lassen es zweckmäßig erscheinen, dass sich die Führung mittelständischer Unternehmen im Detail mit prägenden Elementen des konsequenten, wertorientierten strategischen Managements in kapitalmarktorientierten Unternehmen beschäftigt, um geeignete Bestandteile im eigenen Unternehmen umzusetzen. Das bedeutet nicht, dass sie ihre mittelstandsgeprägten Vorteile aufgeben müssen. Es geht darum, die durch die Eigentümerfamilie geprägten Vorteile, wie die langfristige Orientierung, die hohe Flexibilität und Effizienz, die engen Beziehungen zu Lieferanten und Kunden, die kurzen Informations- und Entscheidungswege sowie die starke Mitarbeiterorientierung gezielt durch ein konsequentes, strategisch orientiertes und wertorientiertes Management zu ergänzen.
Mittelständische Unternehmen, denen es gelingt, PMI-Prozesse ganzheitlich und wertschöpfungsorientiert strategisch zu führen, sind nicht nur widerstandsfähiger und effizienter, sondern sie nutzen Fusionen oder Übernahmen, um ihre Innovationskraft zu steigern und ihre Marktposition strategisch auszubauen. Ein ganzheitliches strategisches PMI-Management dient nicht nur der Wertsteigerung der jeweiligen Einzeltransaktion, sondern wirkt weit darüber hinaus: Es sichert langfristig die Zukunftsfähigkeit, die Innovationskraft, die Marktposition und die Werte des Unternehmens für kommende Generationen.