16.04.2018 | Autor: Lisa Ahrweiler-Weissman | Lesedauer: 3 Minuten

Wenn Schwäche zur Stärke wird

Selbstreflexion und Vertrauen in andere bringen weiter

16.04.2018 | Autor: Lisa Ahrweiler-Weissman
Lesedauer: 3 Minuten

Manchmal ist der Unternehmer selbst das größte Hemmnis für sein Unternehmen, sei es, weil er alles kontrollieren möchte, ungern Entscheidungen trifft oder die Nachfolge nicht regelt. Lisa Ahrweiler-Weissman rät zu Selbstreflexion und Mut, sich eine Schwäche einzugestehen.

Lisa Ahrweiler-Weissman Senior Projektleiterin
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Wie kommt es, dass manche Unternehmer nicht erkennen, dass sie selbst das Hemmnis sind, obwohl die anderen es sehen?

Lisa Ahrweiler-Weissman: Ein Unternehmer braucht eine starke Persönlichkeit. Oft muss er auch gegen Widerstände bestehen. Er ist zu Recht stolz auf seine Leistung, seine Stärke und vertraut vor allem auf sich selbst. Überlegungen und Entscheidungen werden idealerweise zwar oft mit anderen, zum Beispiel im Führungsteam, erarbeitet, aber treffen muss sie der Unternehmer selbst. Diese prägenden, meist langjährigen Erfahrungen können ein Hemmnis darstellen, denn es ist zweifellos schwierig, selbst zu merken und sich selbst einzugestehen, dass man einmal nicht alles im Griff hat. Jahrelang konnte man sich selbst vertrauen und jetzt soll das plötzlich anders sein? Bezieht man das zum Beispiel auf eine Nachfolgesituation, ist viel Selbstvertrauen nötig, um bewusst und gestalterisch in den Nachfolge-Prozess zu gehen. Hat man diesen Mut nicht, wird der gute Zeitpunkt für die Übergabe manchmal nie gefunden.

Wie kommt der Unternehmer zu einem realistischen Selbstbild?

Ein realistisches Selbstbild gelingt mir nur, wenn ich gelernt habe, meinen „Blinden Fleck“ zu reflektieren. Dazu brauche ich vertraute Menschen, von denen ich etwas annehmen kann. Oft sind dies Personen im engeren Führungskreis, aus dem Aufsichtsrat oder Beirat und sehr gute Freunde. Externe Berater und Coaches haben den Vorteil, dass sie kein Eigeninteresse an der Situation haben und aus der Vogelperspektive häufig viel deutlicher sein können.

Wie kann der Unternehmer gegensteuern ohne das Gesicht zu verlieren, wenn er erkannt hat, dass er selbst sein Unternehmen in der Entwicklung behindert?

Zunächst muss er sich selbst eingestehen, dass er den falschen Weg beschritten hat. Das ist sehr schmerzlich, denn er verliert das Gesicht vor sich selbst, muss sich eine vermeintliche Schwäche eingestehen. Das macht niemand gerne und es ist auch ein Kraftakt aus einem solchen persönlichen Tief wieder herauszukommen. Letztlich muss man sich selbst verzeihen können. Erst dann kann man nach neuen Lösungen suchen und so neue Stärke gewinnen, vor allem wenn man in der Umsetzung der neuen Lösungen offen dazu steht, dass man den falschen Weg gegangen ist. Das wird jedoch von anderen eher als Stärke denn als Schwäche empfunden.

Können in diesem Prozess, Mitarbeiter, Freunde oder Familie den Unternehmer unterstützen oder sollte er besser externe Hilfe in Anspruch nehmen?

Jeder, dem der Unternehmer wirklich vertraut, ist eine Unterstützung. Das wichtigste ist zunächst, das Thema, um das es geht, selbst ernstzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Das lässt sich gut verdeutlichen am Beispiel Nachfolge. Allein wenn ich meine Gedanken anderen gegenüber formuliere, „ist es schon einmal ausgesprochen“. Die anderen wissen dann: Ich will meine Nachfolge angehen. Danach steige ich Schritt für Schritt in den Diskussionsprozess ein. Ein Coach bringt in diesen Prozess seine Erfahrung ein und stellt gezielt Fragen, die den Prozess weiterbringen. Oft geht es um eine Kombination. Zum einen gibt es den inneren Prozess des Loslassens einer Lebensaufgabe, die bisher das Leben bestimmt hat. Zum anderen geht es um die Nachfolge des Unternehmers im Unternehmen und deren geeignete Form (Kinder, Fremdmanagement, Kombination, Stiftung etc.). Das bedeutet, neben einem Coach sind hier Experten zu unternehmerischen, rechtlichen und steuerlichen Überlegungen gefragt.

Manche Unternehmer wollen gar nicht loslassen. Sie schieben die Nachfolge immer weiter hinaus. Was raten Sie?

Ich rate, immer wieder zu reflektieren, mit einem Coach oder mit vertrauten Menschen: Bin ich physisch und psychisch noch fit genug für die Aufgabe? Bin ich auf dem neuesten Stand oder tue ich mich schwer, neue Entwicklungen zu verstehen? Auch wenn es die wenigsten von uns wahrhaben wollen – die Kräfte lassen mit zunehmendem Alter nach. Nach meiner Erfahrung liegt bei der Regelung der Nachfolge das kritische Alter etwa bei 70 Jahren. Wer seine Nachfolge bis dahin nicht geregelt hat, sollte sich gewiss sein, dass die Umsetzung immer unwahrscheinlicher wird.

Besonders schwer tun sich Unternehmer, die „eigentlich etwas ganz anderes“ tun wollten als das Familienunternehmen zu übernehmen. Wie kann ihnen geholfen werden?

Das kann man mit einer arrangierten Ehe vergleichen: Entweder man beginnt, sich zu lieben, oder man geht auseinander. Man muss erkennen, dass man etwas nicht will. Danach ist man frei. Man sollte niemals den Druck unterschätzen, der auf denjenigen lastet, die ein Unternehmen unfreiwillig übernehmen, weil es zum Beispiel die Eltern erwarten. Es ist ein Kampf zwischen Ratio und Emotionalität. Ein Coaching ermöglicht die Klärung der Frage, was der Betreffende als seinen Lebensauftrag sieht: Wofür bin ich da, was sind meine Fähigkeiten und Talente, wie und wo kann ich sie am besten leben? Wieviel Verantwortung kann ich für mich als Unternehmer und damit für andere tragen?

Oft scheint ein autoritärer Führungsstil für das Unternehmen schlecht zu sein. Ist er per se ein Hemmnis?

Die Frage ist, wofür ein autoritärer Stil steht. Für mich steht er typischerweise für Klarheit: Jemand weiß im Sinne von Wissen und Erfahrung, was er will und was er nicht will. Das bedeutet Klarheit sowohl in den Zielen als auch in der Umsetzung und damit auch viel Stärke und Sicherheit. Jeder weiß, woran er ist – wunderbare Führungsinstrumente. Das ist erfolgreiches Unternehmertum für das Unternehmen und die Mitarbeiter. Die Problematik sehe ich auf der Verhaltensebene, wenn der Unternehmer diese Werte mit Druck, Macht, Politik, Unfairness und Willkür koppelt. Das ist kontraproduktiv. Dann wird auch sehr viel Energie in Verteidigung, Rechtfertigung und Positionssicherung gesteckt. Die Mitarbeiter sind mehr mit sich selbst beschäftigt als mit ihren Aufgaben. Das Unternehmen wird geschwächt. Ich empfehle jedem Unternehmer, sich auf seine persönlichen Werte und Fähigkeiten zu besinnen und danach seinen Führungsstil und auch sein Führungsteam auszurichten.

Das Interview mit Lisa Ahrweiler-Weissman ist in DIE NEWS 04/2018 erschienen. 

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