12.02.2021 | Autor: Prof. Dr. Arnold Weissman | Lesedauer: 5 Minuten

Wie plant man das Unplanbare?

Krisengewinner & Krisenverlierer

12.02.2021 | Autor: Prof. Dr. Arnold Weissman
Lesedauer: 5 Minuten

Wie vielleicht noch nie in der Geschichte hat sich der Unterschied zwischen den Gewinnern und Verlierern dramatisch vergrößert. Während es Branchen und Unternehmen gibt, die vor Kraft nicht laufen können und das beste Jahr ihrer Firmengeschichte hingelegt haben, gibt es brutal getroffene Verlierer, von denen manche 2021 nicht überstehen werden.

Prof. Dr. Arnold Weissman Gründer & Gesellschafter
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Was haben wir aus den Erfahrungen in 2020 gelernt? Wir haben v. a. eines gesehen: Wie vielleicht noch nie in der Geschichte hat sich der Unterschied zwischen den Gewinnern und Verlierern dramatisch vergrößert. Während es Branchen und Unternehmen gibt, die vor Kraft nicht laufen können und das beste Jahr ihrer Firmengeschichte hingelegt haben, gibt es brutal getroffene Verlierer, von denen manche 2021 nicht überstehen werden.

Die Pandemie hat in vielen Bereichen Prozesse beschleunigt, die sowieso gekommen wären – nur eben nicht so schnell. Wir sind alle durch die durch die Pandemie ausgelösten Beschränkungen gezwungen, unser komplettes Leben neu zu organisieren. Wir managen alles selbst, arbeiten von zu Hause, organisieren unseren Einkauf, kommunizieren anders mit unseren Kunden, unser gesamtes Privatleben wird auf den Kopf gestellt. Wir sollen alles möglichst kontaktfrei machen: wenn wir Menschen treffen (auch die besten Freunde), wenn wir bezahlen, wenn wir ein Meeting haben. Die Konsequenz: ohne unsere digitalen Helfer wie Smartphone, Pad etc. – und natürlich ein entsprechendes Netz – sind wir aufgeschmissen. Wie lange wird dies so bleiben? Und: was davon wird dauerhaft bleiben? Wenn wir private wie geschäftliche Vorgänge soweit als möglich digital organisieren und dies – oh Wunder – auch noch funktioniert, warum sollen wir nach der Pandemie auf die Vorzüge dieser Entwicklung verzichten?

Wer sind dann die Verlierer dieser Entwicklung? Generell ist zu befürchten, dass nahezu alle Produkte, Dienstleistungen, Geschäftsmodelle und Unternehmen, die den Wandel von analog zu digital nicht mitmachen können, gefährdet sind oder ganz verschwinden werden. Wenn alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert wird – und wir sind gerade alle Zeitzeugen dieser Entwicklung mit ihren weitreichenden Konsequenzen – wer braucht dann noch Tageszeitungen, Bankfilialen, Universitäten, Bargeld, unverbundene Produkte wie Heizkörper und Automobile? Alles wird digital, alles wird mobil. Ein Händler, der in den letzten Jahren kein ernstzunehmendes Onlinegeschäft aufgebaut hat, kann dies ja nicht – und schon gar nicht in so einer Bedrohungslage – in einem Jahr komplett neu aufstellen. Wer gibt heute so einem Unternehmen noch eine positive Fortführungsprognose?

So ist sie nun entstanden, die Liste der strukturell und/oder corona-bedingten Verlierer. Die Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, ist meine subjektive Bewertung und es gibt zu jeder Regel Ausnahmen. Kleine Notiz am Rande: alle Erfahrung zeigt, dass es für den Wert eines Unternehmens besser ist, der Beste in der schlechtesten Branche zu sein als Durchschnitt in der besten Branche!

Natürlich träumen alle davon, der Beste in der attraktivsten Branche zu sein – na ja, jung, gesund und reich ist besser als alt, krank und arm. Also lassen wir diese sinnlosen Bestrebungen und konzentrieren uns darauf, zu den Besten unserer Branche zu zählen – dann kann einem Unternehmen vermutlich auch in einer Krise, die wir sicherlich als die größte ökonomische und soziale Krise seit dem zweiten Weltkrieg bezeichnen können und deren Folgen erst in Jahren wirklich sichtbar sein werden, nicht wirklich viel passieren. Jede Krise ist auch eine Chance!

Bedrohte Branchen

  1. Fitnessstudios
  2. Flughäfen
  3. Flugindustrie
  4. Friseure
  5. Gastronomie
  6. Großhändler ohne Marktplatzfunktion
  7. Hotellerie
  8. Innerstädtische Immobilien
  9. Konzertveranstalter
  10. Kulturtreibende
  11. Kulturveranstalter
  12. Messe- und Kongressveranstalter
  13. Messebauer
  14. Modehandel
  15. Modekonfektionäre
  16. Reisebüros
  17. Reiseveranstalter
  18. Stationärer Handel ohne E-Commerce
  19. Tageszeitungen
  20. Tankstellen
  21. Tourismusindustrie
  22. unverbundene Produkte
  23. Versicherungen
  24. Zeitschriften
  25. Zerspanungsbranche

Doch natürlich gibt es auch die Gewinner der Krise. So zeigt die Statistik, dass der Einzelhandel in Deutschland 2020 insgesamt um 5,4 % gewachsen ist – der größte Zuwachs seit Jahrzehnten! Nun, es gehört nicht viel Fantasie dazu, zu erkennen: Gewinner sind der Online-Handel, die Marktplätze, Plattformen, Home-Delivery und Öko-Systeme. Amazon, HelloFresh, Zalando sind geradezu explodiert, auch der Tierbedarfsmarktplatz Fressnapf vermeldet das mit Abstand beste Jahr seiner Firmengeschichte! Bei Fressnapf ist es neben dem boomenden stationären wie auch Onlinegeschäft auch der Trend zum Haustier. Die Zahl der Hundebesitzer ist um 20 % in der Krise gewachsen! Das durch den Lockdown nachhaltig veränderte Kaufverhalten hat dem Online-Handel 2020 einen Zuwachs um 14,6 % auf 83,3 Mrd. € beschert, v. a. durch Güter des täglichen Bedarfs, Lebensmittel, Drogeriewaren, Modeartikel und Medikamente. Für 2021 wird ein weiteres Wachstum um 12,5 % erwartet. Allein der Umsatz mit Medikamenten erhöhte sich 2020 um mehr als 50 % und wird auch in 2021 deutlich wachsen.

Gewinnertechnologien und Gewinnergeschäftsmodelle

  1. Digitalisierung/Infrastruktur/5G
  2. Künstliche Intelligenz
  3. Cloud-Solutions
  4. Data-Monetarization
  5. Psychological Profiling
  6. Digitale Bildung
  7. Collaboration Tools
  8. Health Care
  9. Bio Sciences
  10. FinTech
  11. Krypto-Währungen
  12. Blockchain Technology
  13. Social Media
  14. Risikomanagement, Cyber Security
  15. Marktplatzmodelle
  16. Online-Shopping
  17. Öko-Systeme
  18. Digitale Services
  19. Tracking & Tracing-Tools
  20. Hyper Connectivity
  21. Smart Solutions
  22. Distant Learning/Blended Learning
  23. Cyber Security
  24. Smart Logistics
  25. Gaming
  26. Robotics
  27. Automation
  28. 3D-Printing
  29. Rapid Prototyping
  30. Smart Building mit Home-Office/Flex Office
  31. Predictive Shipping/Maintenance
  32. Risk Management mit KI
  33. Home-Delivery
  34. Digitale Partnervermittlung
  35. Health Care
  36. BioTech
  37. Life Sciences
  38. Homing/Cocooning/Gardening
  39. Containerschiffahrt
  40. Bauprojektentwicklung für Wohnen und Logistik
  41. Fahrräder/E-Biking
  42. Haushaltsgeräte (Bäder, Küchen, Möbel, Garten)
  43. Home-Fitness
  44. Do-It-Yourself
  45. Home-Office
  46. Wohnen&Leben zu Hause
  47. Caravaning/Camping/Zelten
  48. Langlauf/Skitouren/Wandern
  49. Heimtiermarkt, Baumärkte, Gartencenter
  50. Urlaub zu Hause/Ferienwohnungen/-häuser im deutschen Sprachraum

Was müssen wir tun, um auch morgen noch kraftvoll zubeißen zu können?

Die nächste Krise kommt garantiert und gewinnen werden wieder die Unternehmer, die mit Weitsicht, Mut und angemessener Risikobereitschaft ihre Unternehmen strategisch führen und steuern. Damit kommt der Führung in Unternehmen eine (noch) viel größere Bedeutung als bislang zu. Führen heißt für uns, Andere emporzuheben. Das Beste in der Organisation und den Menschen zu entfalten. Was wir von den Superstars der Digitalisierung als erstes lernen können, ist doch ihre radikale, am Kundennutzen ausgerichtete Orientierung. So sind die Innovationen der letzten 25 Jahre entstanden, die das Silicon Valley zum mächtigsten Tal der Welt haben werden lassen.

Gewinner führen viel mehr über „end-to-end“-Prozesse als über hierarchische Strukturen, die ja letztlich nur Abbildungen der Machtstrukturen eines Unternehmens sind. Oder kommt in Ihrem Organigramm der Kunde vor? Versprochen: In 99 von 100 Organigrammen ist dies nicht der Fall. Aber in erfolgreichen Unternehmen bedient der Mitarbeiter nicht den Vorgesetzten, sondern den Kunden. Führung muss dieses Bewusstsein schaffen und Mitarbeiter befähigen, dies in hohem Maße selbstständig und eigenverantwortlich zu gestalten. Wie sagte doch schon Maria Montessori: Hilf mir, es selbst zu tun! Oder krasser ausgedrückt: Wer hilft, wo fördern reicht, schädigt!

Die VUKA-Welt mit ihrer Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität lässt sich nur meistern, wenn im Unternehmen eine Vertrauenskultur herrscht. Organisationen verändern geht nur, wenn sich die Kultur, also die „Summe der Selbstverständlichkeiten eines Unternehmens“, verändert. Kultur kann man nicht managen: Sie entsteht durch das täglich vorgelebte Verhalten v. a. von Führungskräften. Und das Verhalten von Führungskräften wird bestimmt durch ihre Haltung, ihr Mindset. Dies ist der Hebel, an dem Unternehmen ansetzen müssen.

Gewinner führen durch Ermutigung, sie haben ein Verständnis für die Konsequenzen der Strategie auf den eigenen Führungsbereich, den sie zielgerichtet und eigenverantwortlich weiterentwickeln. Wenn Führungskräfte heute 20 % ihrer Zeit für Führung einsetzen (und dies ist eine optimistische Annahme!), so werden es morgen 80 % sein. Dies geht aber nur, wenn sie einen Beitrag leisten, dass ihre Mitarbeiter sich in Richtung Selbstständigkeit und Eigenverantwortung entwickeln. Die Führungskraft hat dann die Aufgabe, Menschen zu befähigen, zu entwickeln, zu fordern und zu fördern.

Führungskräfte, die einen Beitrag leisten, Unternehmen robuster, krisensicherer, resilienter zu machen, schaffen für ihre Mitarbeiter einen Rahmen, in dem diese sich entwickeln können. Scheitern gehört dann zumAlltag als Schritt in die richtige Richtung. Nur Mitarbeiter, die in einer vertrauensvollen Atmosphäre ermutigt werden, Ideen zu haben und Entscheidungen zu treffen, werden über sich selbst hinauswachsen können. Das Selbstverständnis solcher Führungskräfte ist nicht mehr das Image des Machers, der keine Fehler macht, der sich nie irrt, der alles überblickt. Es ist das Bild einer Führungskraft als Coach in Richtung Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, als Gestalter für kundenzentrierte Prozesse, als Begleiter für Mitarbeiter und Team.

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