11.09.2020 | Autor: Maximilian Beisl | Lesedauer: 3 Minuten

Ehepartner in Familienunternehmen: „Entscheider ohne Entscheidungsmacht“

Interview mit Maximilian Beisl | Markt und Mittelstand, 09/2020

11.09.2020 | Autor: Maximilian Beisl
Lesedauer: 3 Minuten

Welche Rolle spielen Ehepartner in Familienunternehmen? Maximilian Beisl im Interview für Markt und Mittelstand über den Einfluss Angeheirateter auf Unternehmer und Unternehmen.

Autor Maximilian Beisl Senior Berater

Sie haben in Ihrer Studie „Unsichtbar, unterschätzt und unbezahlt“ den „Einfluss passiver Ehepartner in Familienunternehmen“ untersucht. Warum?

Weil diese Personengruppe so ambivalent wie faszinierend ist: Die Ehepartner in Familienunternehmen sind zwar im Unternehmeralltag ständig präsent, aber doch oft unsichtbar. Sie engagieren sich für das Familienunternehmen, werden dafür aber oft nicht bezahlt. Sie sind am Unternehmen nicht beteiligt und haften häufig doch persönlich – kurzum: Sie sind „mittendrin statt nur dabei“. Über diesen Personenkreis ist in der Öffentlichkeit generell relativ wenig bekannt. Und wenn über diese Gruppe berichtet wurde, wurden die Angeheirateten nie persönlich befragt. Man sprach über sie, aber nie direkt mit ihnen.

Wie lautet die Haupterkenntnis aus Ihrer Studie?

Angeheiratete verfügen über einen deutlich höheren Einfluss, als man im ersten Moment denkt – und meist auch, als ihnen selbst bewusst ist. Tatsächlich sind sie oft hochengagierte und involvierte Gesprächspartner für den unternehmerisch aktiven Ehepartner. Die meisten Unternehmerpaare tauschen sich täglich oder mehrmals die Woche aus – meistens zu Hause, häufig beim Abendessen. Da werden die aktuellen Probleme und anstehenden Entscheidungen besprochen.

Hat Sie dieses Ergebnis überrascht?

Nicht wirklich. Implizit hatten wir ein solches Ergebnis schon vermutet. Überrascht hat mich aber die Tatsache, dass keiner der Ehepartner die Kinder aktiv im Sinne der Nachfolge erzieht. Vielmehr besitzen die Kinder absolute Entscheidungsfreiheit bezüglich ihrer Berufswahl. Das war früher anders. Zudem hat mich das außerordentlich hohe emotionale Involvement der Beteiligten überrascht. Alle befragten Ehepartner haben angegeben, dass das Unternehmen sie emotional enorm belaste – bedingt durch Krisenzeiten, finanzielle Sorgen, Existenzängste und auch die emotionale wie zeitliche Belastung des aktiven Ehepartners.

Der Titel Ihrer Studie unterstellt, die passiven Ehepartner würden „unterschätzt“ – von wem?

Passive Ehepartner fliegen in der öffentlichen Wahrnehmung meist unter dem Radar. Es besteht also eine klare Diskrepanz zwischen öffentlich wahrgenommener und tatsächlicher Ausgestaltung der Rolle. Fast alle Angeheirateten haben erzählt, dass sie sich mit Vorurteilen konfrontiert sehen. Außenstehende nehmen oft nur die vermeintlichen Vorteile und schönen Seiten wahr. Nur wenige sehen, welche tatsächliche emotionale und finanzielle Belastung ein Familienunternehmen mit sich bringt.

Sind die passiven Ehepartner also die eigentlichen Herrscher in den Unternehmen?

Als Herrscher würde ich sie nicht bezeichnen. „Entscheider ohne Entscheidungsmacht“ finde ich passender.

Halten Sie eine solche Rolle als „graue Eminenz“, die weder organisatorisch noch rechtlich definiert oder institutionalisiert ist, für gut oder schlecht?

Weder noch. Man muss mit dieser Rolle nur umzugehen wissen, um möglichen Konflikten vorzubeugen. Gut ist es, das Verhältnis transparent zu machen und in einen formalen Rahmen zu gießen.

Wo liegen – für die Eheverhältnisse wie für die Unternehmen – die Risiken und wo die Chancen?

Die Chancen fürs Unternehmen liegen ganz klar im neutralen Blickwinkel durch einen „Außenstehenden“. Dabei macht es nichts, dass Angeheiratete oft nicht über Fachexpertise verfügen. Oft sind sie gut vernetzt und bekommen bestimmte „Strömungen“ im Unternehmen mit, die am Unternehmer selbst vorbeigehen würden. Zudem agieren Angeheiratete oft als unentgeltlicher Unterstützer: Sie kümmern sich um die eher softeren Themen wie den Familienzusammenhalt oder die Pflege von Mitarbeiter- und Kundenbeziehungen. Dem Unternehmer selbst halten die Angeheirateten oft – und auch durchaus kritisch – den Spiegel vor.

Macht es einen Unterschied, ob die „passiven Ehepartner“ männlich oder weiblich sind?

Nach unseren Erkenntnissen hat das Geschlecht keinen erkennbaren Einfluss. Einen Unterschied macht aber, ob der Angeheiratete selbst aus einer Unternehmerfamilie kommt oder aus einem klassischen „Angestelltenhaushalt“. Erstere haben mehr Verständnis für die Arbeitsbelastung der Unternehmer und können auch besser mit der emotionalen und finanziellen Belastung umgehen.

Etliche passive Ehepartner übernehmen unentgeltlich repräsentative Funktionen für das Unternehmen. Geschieht das aus Selbstausbeutung oder aus Profilierungssucht?

Wie so oft – sowohl als auch. Diese Rolle wird von allen der befragten passiven Ehepartner eingenommen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Es gibt aktive und passive Repräsentanten. Aktive Repräsentanten sind die Ehepartner, die sich als Repräsentanten des Unternehmens fühlen und auch so auftreten. Zu dieser Gruppe zählen 40 Prozent der Befragten. Die restlichen 60 Prozent sind passive Repräsentanten. Damit sind Personen gemeint, die sich mit dieser Rolle nicht direkt identifizieren können.

Ergeben sich aus Ihrer Studie konkrete Handlungsbedarfe für Unternehmerehepaare?

Zum einen wollten wir mit unserer Studie das Bewusstsein schärfen: Oft wird die Rolle des passiven Ehepartners als selbstverständlich wahrgenommen, und es wird ihm nur bedingt dafür gedankt. Es ist aber elementar wichtig, dem Ehepartner Wertschätzung entgegenzubringen. Zum anderen scheint mir bei vielen Unternehmerpaaren ein professionelles Familienmanagement sinnvoll zu sein, das für Struktur und Klarheit sowohl im Unternehmen als auch in der Familie sorgt und Konflikten vorbeugt. Das kann etwa durch eine Familienverfassung gelingen – wobei schon deren Entstehungsprozess oft ein besseres Miteinander und Verständnis füreinander schafft.

 

Erschienen in: Markt und Mittelstand, 09/2020

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