17.04.2021 | Autor: Dr. Moritz Fehrer | Lesedauer: 4 Minuten

Mehrwert Familienverfassung

Klare Regeln in Familienunternehmen

17.04.2021 | Autor: Dr. Moritz Fehrer
Lesedauer: 4 Minuten

Kommt es innerhalb einer Unternehmerfamilie zu einem Streit, droht dieser nicht selten von der Familie auch auf die Unternehmensseite überzugreifen. Durch die fließenden Grenzen von Familie und Unternehmen werden häufig über Generationen aufgebaute Unternehmen und Familienvermögen durch emotionale Konflikte gefährdet.

Dr. Moritz Fehrer Projektleiter
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Familiengeführte Brauereien sind in der Regel bereits mehrere Generationen alt und wohl etabliert. Die Unternehmerfamilie ist mit den Herausforderungen der Unternehmensnachfolge vertraut, die Rahmenbedingungen haben sich jedoch verändert und auch die Strukturen und Regeln in Unternehmerfamilien haben sich gewandelt. Nun geht es darum, Antworten auf moderne Fragen zu finden, wie z.B. wie halte ich die Familie zusammen und leite dabei gleichzeitig ein erfolgreiches Imperium bei rückläufigem Bierkonsum?

In einer Familienverfassung legt die Familie gemeinsame Antworten auf potenzielle Konfliktfragen fest, sie regelt den Umgang der Familienmitglieder untereinander und wie man Streit vermeiden kann – noch bevor er entsteht. Im Zuge der Erarbeitung werden zahlreiche Sprengstofffragen, die es in jeder Familie und in jedem Unternehmen nun einmal gibt, offen angesprochen, diskutiert und geklärt. Die Familienverfassung sichert den innerfamiliären Frieden, sie sichert das Fortbestehen des Unternehmens durch die Schaffung von Transparenz, Vertrauen und Austausch, sodass ein Wir-Gefühl entsteht, das eine Entfremdung der Gesellschafter untereinander und eine Entfremdung weg vom Unternehmen verhindert.

Mehrwert einer Familienverfassung für die Unternehmerfamilie

Der Mehrwert einer Familienverfassung drückt sich in dreierlei Hinsicht aus. Zum einen ist die Entstehung der Familienverfassung selbst bereits ein wichtiger Schritt. Zum zweiten hilft das fertig erstellte Dokument in schwierigen Zeiten weiter und dient als Richtlinie des eigenen unternehmerischen Handelns. Sie gibt gerade jüngeren Familienmitgliedern die Möglichkeit, sich mit dem Mysterium Familienunternehmen und seinen Regeln vertraut zu machen. Drittens gibt es transparent dokumentierte sowie für alle nachvollziehbare und durchsetzungsfähige Inhalte, die für alle Familienmitglieder gleichermaßen gelten.

Oft fragen Unternehmerfamilien beim ersten Kennenlernen, ob man Ihnen nicht einfach eine fertige Familienverfassung zusenden könne, bzw. ob es dafür nicht einen entsprechenden Lückentext gäbe, in den man nur noch die entsprechenden Textbausteine einsetzen müsse. An dieser Stelle herrscht dann oft Verwunderung, denn auch wenn es Berater geben mag, die derlei Produkte verkaufen, bleibt der entscheidende Mehrwert für den Kunden auf der Strecke. Denn die so entstehende Qualität einer Familienverfassung kann nur unbefriedigend und unverbindlich ausfallen.

Erfahrungsgemäß ist der Entstehungsprozess mit allen relevanten Beteiligten, die damit verbundenen Diskussionen und erörterten Optionen bis hin zur Selektion der für diese Familie passenden individuellen Formulierung der erste und wichtigste Mehrwert. Denn an dieser Stelle lernen die verschiedensten Familienmitglieder sich näher kennen. Der in Weihenstephan studierende Neffe erfährt, was den Onkel, der als Braumeister tätig ist, umtreibt, und die Tante, die in der Buchhaltung arbeitet, kann in einem geschützten Rahmen über ihre Sorgen und Nöte berichten. Allein schon deshalb sind auch die Anforderungen an den betreuenden Berater als Moderator und Mediator enorm hoch, denn solch ein Prozess ist sehr oft emotional und muss entsprechend strukturiert geführt werden. Viele oft zu lange verschwiegene Fragen können hier gestellt und beantwortet werden und so ist es möglich Unterstellungen und Argwohn auszuräumen, bevor sie in unkontrollierten Bahnen ihren Weg an die Oberfläche finden.

Erfahrungsgemäß kann es besonders hilfreich sein, Familienmitglieder miteinzubeziehen, die nicht unbedingt eine aktive Rolle (als Geschäftsführer oder Mitarbeiter) im Unternehmen haben. Denn gerade bei diesen Familienmitgliedern sind das Informationsbedürfnis und die Fülle an unausgesprochenen Fragen meist am größten. Es sind auch diese Familienmitglieder, die selbst wenn sie an der Entstehung nicht unmittelbar beteiligt waren, durch die fertiggestellte Verfassung am meisten profitieren. Denn viele ihrer unausgesprochenen Fragen werden darin bereits beantwortet oder können im Zuge der Verabschiedung bzw. Unterschrift erläutert und geklärt werden. Jüngere Mitglieder, die sich in der Rolle der potentiellen Nachfolger befinden, können hier erfahren, welche möglichen Rollen im Familienunternehmen auf sie warten und welche Aufgaben und benötigte Kompetenzen gestellt werden.

Zu guter Letzt ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass man sich selbst ein freiwilliges Regelwerk gegeben hat, an das sich von nun an alle Familienmitglieder zu halten haben und das die Transparenz über die internen Vorgänge in Unternehmen und Familie erhöht. Denn eine Familienverfassung klärt auch, welche Rechte und Pflichten die einzelnen Gesellschafter haben, wie man mit dem Thema Ausschüttungen umgehen möchte und ob es auch nicht monetäre Zuwendungen für die einzelnen Familienmitglieder geben soll und wenn ja, in welcher Form.

Entstehungsprozess einer Familienverfassung

Die Entstehung einer Familienverfassung hat mehrere Prozessschritte. Zuallererst muss die Familie darauf aufmerksam werden, dass es solch ein vielseitiges Instrument der Familienverfassung überhaupt gibt und was es zu leisten im Stande ist. Danach sollte die Auswahl eines geeigneten externen Beraters erfolgen, der sowohl menschlich als auch fachlich den Anforderungen der Unternehmerfamilie entspricht. Sodann sollten sich die Familienmitglieder, ggf. mit der Unterstützung des Beraters, klar darüber werden, welche Familienmitglieder am Erarbeitungsprozess beteiligt sein sollten. Dabei ist zu beachten, dass kleine Kinder vielleicht noch zu weit vom Unternehmen entfernt sind, aber auch in Würde ergraute Senioren ab einem gewissen Alter vielleicht doch besser die Zukunftsfragen ihres Unternehmens und ihrer Familie den aktiv tätigen Gesellschaftern und deren Verwandten überlassen sollten. Das bedeutet natürlich, dass man sie trotzdem über den Prozess informiert, ihnen die erarbeiteten Ergebnisse präsentiert und sie auch entsprechend ihrer Erfahrung um ihre Meinung fragt.

Bevor die eigentliche Arbeit beginnt, führt man zunächst Einzelgespräche mit allen Beteiligten, in denen diese in einem geschützten und vertrauensvollen Rahmen ihre „Sprengstofffragen“ – Fragen, die bisher verborgen blieben und die man sich nicht zu stellen getraut hat – offenbaren können. So kann sich der Berater entsprechend auf die verschiedenen Themen besser vorbereiten und diese dann strukturiert in den weiteren Prozess einfließen lassen.

Die Erarbeitung selbst erfolgt meistens auf Basis von Workshops, d.h. der Berater trifft sich mit den entsprechenden Familienmitgliedern und sammelt z.B. anhand eines Fragenkatalogs oder Gruppenaufgaben die nötigen Informationen. Ab und zu kann es auch einmal nötig sein, die Gruppe oder einzelne Teilnehmer zu trennen, um zuerst verschiedene Optionen vorbereiten und bewerten zu können, bevor man die Ergebnisse anschließend zusammenführt.

Diese Workshops werden durch mehrere Reflexionsschleifen ergänzt, d.h. bewusste Pausen, in denen das gemeinsam Erarbeitete mental verinnerlicht werden kann. Am Ende wird der entsprechende Entwurf mit allen Beteiligten diskutiert und an entsprechenden Stellen nachgehakt, um sicherzustellen, dass auch wirklich alle Familienmitglieder dasselbe Verständnis haben und wissen, warum man sich für die eine und nicht für die andere Option entschieden hat.

Schlussendlich erfolgt die feierliche Verabschiedung und Unterschrift, bei der die von der Familie ausgesuchten Mitglieder ihre persönliche Verfassung erhalten und diese auch von allen gemeinsam unterschrieben wird. Besonders schön und symbolisch ist es, wenn solch ein Event mit einem besonderen Anlass wie z.B. der Eröffnung eines neuen Gebäudes, Standorts oder aber auch der Aufnahme eines jungen Nachfolgers verknüpft werden kann.

Wie wird eine Familienverfassung richtig gelebt?

Wie immer im Leben nützt auch die beste Familienverfassung nichts, wenn sie danach in der Schublade verschwindet und vergessen wird. Deshalb wird empfohlen, auch immer bestimmte Meilensteine zu erarbeiten, an denen die Verfassung aktualisiert und besprochen werden muss. In manchen Fällen kann man sogar ein Familienmitglied bestimmen („Familienmanager“), welches für die Aktualität der Verfassung und gemeinsame Treffen, die der gemeinsamen Identität und dem Zusammenhalt dienen sollen, verantwortlich ist. Derlei Mechanismen sind genauso wichtig wie Sanktionsklauseln, wie die Unternehmerfamilie mit Mitgliedern verfahren möchte, die sich wiederholt nicht an die innerfamiliären Abmachungen halten bzw. sich vehement weigern, diese zu unterschreiben.

Wer braucht eigentlich eine Familienverfassung?

Eine Familienverfassung sollte immer dann in Betracht gezogen werden, wenn es mehrere Familienstämme gibt bzw. wenn es Gesellschafter gibt, die aktiv im Unternehmen mitarbeiten und Gesellschafter, die nicht aktiv im Unternehmen sind, sondern andere Interessen und Aufgaben verfolgen. In solchen Fällen sind früher oder später Konflikte und Missverständnisse vorprogrammiert und es ist sinnvoll, diese aus der Welt zu schaffen bevor sie das Berufs- oder das Privatleben belasten. Das bedeutet nicht, dass es zukünftig keine Konflikte bzw. keinen Streit oder Missverständnisse mehr geben wird. Man kann jedoch vieles bereits vorwegnehmen oder Regeln etablieren, sodass diese Punkte nicht in der Firma und vor der Belegschaft ausgetragen werden, sondern im Privaten, und vor allem so, dass es dabei zu besseren Lösungen kommt.

Wer braucht umgekehrt eigentlich keine Familienverfassung? Solange Eigentum und Besitz zu 100% in einer Hand vereinigt sind, muss derjenige sich natürlich auch mit niemandem absprechen und auf niemanden Rücksicht nehmen. Trotzdem kann es in seinem ureigenen Interesse sein, die Familie bzw. die potentiellen Nachfolger nicht komplett vor den Kopf zu stoßen, sondern entsprechend einzubinden. Ziel ist es schließlich, dass diese ein natürliches Interesse und Neugierde am Unternehmen entwickeln und so vielleicht in Zukunft bereit sein werden, die Nachfolge anzutreten, um das unternehmerische Erbe fortzuführen. Gerade beim Thema Nachfolge kann die Familienverfassung viel bewirken, um Sprengstoffpotential zu entschärfen.

Fazit

Die allermeisten familiengeführten Brauereien haben bereits mehrere erfolgreiche Generationswechsel hinter sich und sind mit den damit verbundenen Problemen bestens vertraut. Neben der Nachfolge gibt es aber auch noch viele andere Themen, denen man sich als Unternehmerfamilie stellen sollte und muss. Die Branche ist durch den anhaltend rückläufigen Bierkonsum ohnehin unter Druck und die Corona-Krise verschärft diese Tendenz erheblich. Auch 2021 wird von der Pandemie geprägt werden, mit all den negativen Nebenerscheinungen, die wir schon heute beobachten können, wie z.B. geschlossene Gastronomie und Wegfall der großen und kleinen Volksfeste. Eine unmittelbare Entspannung ist also nicht in Sicht, im Gegenteil.

Gerade in Brauereien arbeiten oft mehrere Familienmitglieder und Generationen zusammen und bestreiten ihren Lebensunterhalt aus demselben Unternehmen, es ist also ganz normal, dass die Grenzen zwischen Familie und Beruf fließend sind und somit auch die damit verbundenen Fragen und Probleme. Manch eine Unternehmerfamilie nutzt diese Zwangspause und macht aus der Not eine Tugend, um oft viel zu lange verschobene Themen endlich anzugehen. Denn nur eine geeinte und friedliche Familie kann ihre Vorteile auch voll ausspielen und wettbewerbsfähig sein, um so die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens auch langfristig zu erhalten.

Erschienen in: BRAUWELT, 03/2021

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