01.07.2020 | Autor: Johannes Josnik | Lesedauer: 5 Minuten

Die Kraft von Metanoia

Warum wir eine radikale Veränderung des Denkens brauchen

01.07.2020 | Autor: Johannes Josnik
Lesedauer: 5 Minuten

So schnell wie in der aktuellen Zeit war das Tempo der Veränderung noch nie, aber klar ist auch: Es wird nie wieder so langsam sein, gerade auch, weil eine Krise, wie es die Corona-Pandemie ist, wie ein Brandbeschleuniger wirkt und den Zwang nach Veränderung stark erhöht. Dabei zeigt die bevorstehende Transformation, dass sie immense Auswirkungen nicht nur auf Unternehmen, sondern auch auf unsere Gesellschaft und damit jeden Einzelnen hat. Vor uns liegt eine Zeit, die eine fundamental ökonomische Dimension aufweist und tiefgreifende Veränderungen von uns abverlangen wird. Aber was heißt das für uns und wie können wir damit umgehen?

Autor Johannes Josnik Projektleiter

1. Eine Welt voller Unsicherheit

Wie lange ist es her, dass uns die Friday for Future Generation die Leviten gelesen hat? How dare you? Greta Thunberg hat der jungen Generation ein Gesicht gegeben, mit dem sie sich besser identifizieren konnten als mit den Gesichtern unserer Politiker. Und wie lange ist es her, dass die deutsche Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer einen Aufsichtsratsposten bei Siemens angeboten bekommen hat – und ihn abgelehnt hat? Kürzeste Zeit später bestimmt die größte Pandemie der Neuzeit, der Corona-Virus, das Leben aller Menschen weltweit. Und beide Phänomene zeigen uns klar und deutlich: Wir müssen radikal umdenken. Ein „weiter wie bisher“ ist keine Option.

Wir haben gelernt, dass wir in einer Welt leben, die wir VUCA nennen: volatil, unsicher, komplex, mehrdeutig (aus dem Englischen: Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity). Wir werden mit einer Vielzahl an neuen Begriffen und Technologien wie Industrie 4.0, Agile Methoden, Ambidextrie konfrontiert und merken mehr und mehr, dass unsere alte Welt so, wie wir sie bisher kannten, zukünftig nicht mehr funktioniert. Es wird deutlich, dass eine Vielzahl der aktuellen und historisch gewachsenen Methoden und Strukturen, die noch aus der Zeit des Taylorismus (Industrie 1.0) und des Lean Management (Industrie 2.0), stammen, der Komplexität und den Anforderungen unserer heutigen Welt nicht mehr gerecht werden.

Selbst West Point, die amerikanische Kaderschmiede und Begründer vieler agilen Methoden wie Scrum, Design Thinking und OKR, hat erkannt, dass wir mit dem System von Befehl und Gehorsam, Top Down, den „Machern“ in der Chefetage, die Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr bewältigen können.

2. Der Ruf nach einer inneren Neuausrichtung

All dies ist eigentlich schon seit geraumer Zeit, nicht erst seit der Corona-Krise, bekannt, so dass einige bereits mit einer Neuausrichtung ihrer Organisation begonnen haben. Manch einem von uns war bereits bewusst, dass wir in einem System gelebt haben und leben, das in dieser Form nicht auf Dauer bestehen konnte und kann. Sei es ökologisch, aber auch politisch. Herausforderungen wie der Umgang mit der Flüchtlingskrise, eine destabilisierende Politik einiger Staaten und so viele andere Krisenherde dieser Welt haben uns schon vor der großen Corona-Pandemie beschäftigt. In unserer heutigen Welt, die sich gerade in einem der größten Umbrüche der letzten Jahrzehnte befindet, die in einer Form volatil, ja teilweise sogar chaotisch geworden ist, wie wir es alle so noch nie erlebt haben, braucht es eine innere Neuorientierung. Und genau in dieser inneren Haltung liegt die große Chance, die uns erfolgreich aus Krisenzeiten bringt: Metanoia!

3. Metanoia als Chance in Zeiten der Krise

Noch gestern haben wir uns über die Themen der Globalisierung, Vernetzung, Konnektivität, Digitalisierung von Wertschöpfungsketten, disruptiven Geschäftsmodelle, des Verschwindens ganzer Industriezweige und natürlich der absoluten relevanten Klimafrage ausgetauscht. Heute zwingt uns die Corona-Krise jedoch ein ganz neues Verständnis von Wirtschaft auf. Diese Krise ist wie ein Brandbeschleuniger, der uns unmissverständlich aufzeigt, dass ein „weiter wie bisher“ keine Lösung ist und wir uns schneller und nachhaltiger mit einem neuen Selbst-verständnis befassen müssen, als wir erwartet hätten. Um das zu bewältigen, brauchen wir eins: Metanoia!

In wie vielen Motivations- und Führungsseminaren haben wir gelernt, dass Krise und Chance zusammengehören. Das chinesische Wort Wei-Ji – und dies ist ja geradezu sinnbildlich – bedeutet im gleichen Wort: Krise = Chance! Jedoch ist dies leichter gesagt, als in der Realität umgesetzt: Kaum sind wir unter Druck oder mit großen Herausforderungen konfrontiert, fallen viele von uns in alte, über Jahrzehnte gelernte Muster zurück und vergessen, dass in jeder Krise große Chancen liegen.

4. Moderne Führung braucht Metanoia

Eine Führungskraft sollte nicht nur Mut-Macher, sondern zusätzlich auch Er-Mutiger sein! Gerade in unserer VUCA-Welt, die volatiler, unsicherer, komplexer und mehrdeutig ist – genauso eben, wie wir es gerade erleben – benötigen wir eine andere Form von Führung, als bislang häufig üblich. Also heißt es für jeden von uns diese neue Haltung vorzuleben und zu zeigen, dass wir eben dazu auch in der Lage sind. Denn das zeichnet wahre Führungspersönlichkeiten aus.

Bei rauer See braucht es klare und verlässliche Führung mehr denn je! Menschen brauchen Orientierung, Glaubwürdigkeit, Authentizität. Es gilt Stabilität zu geben, um Agilität zu ermöglichen. In Zeiten wie diesen vertrauen Menschen auf Werte und folgen denjenigen Personen, die genau diese Werte nachhaltig verkörpern. Jetzt können wir alle zeigen, dass vorgegebene Leitbilder nicht nur Broschüren mit schönen Worten, sondern die Richtschnur für unser Handeln in schwierigen Zeiten sind.

Jetzt braucht es Führung, Netzwerke statt Hierarchien, Augenhöhe statt Status, Wertschätzung statt Kritik, Impulse statt Anordnung, Respekt statt Befehl und – besonders wichtig: Vertrauen statt Kontrolle!

Jetzt sind neue persönliche und soziale Kompetenzen erforderlich. Neben den fachlichen und methodischen Kompetenzen braucht es starke soziale Führungskompetenzen, die allen helfen, unter dem Druck nicht zu zerbrechen. Jetzt können wir alle zeigen, was wirklich in uns steckt! Unser Begriff für diese Zeit: Metanoia!

5. Metanoia ist mehr als nur ein Begriff – es ist etwas Grundlegendes

Der Begriff Metanoia bezeichnet also eine innere Umkehr, eine Neuorientierung, eine fundamentale Veränderung im eigenen Denken. In Zeiten des Wandels, in dem Unsicherheit unser Geschehen bestimmt, „erfolgreich“ zu führen und mit all den Veränderungen souverän umzugehen – das ist deutlich einfacher gesagt, als getan. Wie also soll das genau gehen?

Unsere Vorstellung von Arbeit, Leben, Existenz: Alles ist momentan in einem kompletten Umbruch. Die Corona-Krise lässt das, was wir unter Führung und Organisationsentwicklung verstehen, zukünftig grundlegend anders sein.

All diese Veränderungen, vor denen wir stehen, erzeugen einen ungeheuren Druck für jeden einzelnen von uns. Mit der bekannten und erprobten Logik von gestern werden wir die Probleme von morgen nicht oder nur unzureichend bewältigen können. Fundamentale technische Veränderungen und tiefgreifende Krisen, wie es die Corona- Pandemie unbestritten ist, zwingt uns zum Umdenken, zu Metanoia. Am Beispiel der Automobilindustrie haben wir gesehen: Wer zu lange am Etablierten und Bewährten festhält, verliert schnell seine Position als Innovationsführer und sieht sich plötzlich in der Rolle des Abgehängten wieder. In der heutigen Situation, in der Gelerntes und Altbewährtes plötzlich nicht mehr ausreichen um zukunftsfähig zu sein, wird radikales Umdenken zur Überlebensfrage. Viele Unternehmenslenker sagen, dass sie vor der vielleicht größten Transformation in ihrer Firmengeschichte stehen. Und das nicht nur, weil für einige Unternehmen die Corona-Krise absolut existenziell ist.

Doch eines ist wichtig zu verstehen: Die Begriffe, die wir bisher verwenden, sind durchaus wichtig und richtig. Ob Evolution oder Revolution, Disruption oder Transformation – entscheidend ist, dass wir begreifen, dass es nicht um innovative Geschäftsmodelle, disruptive Lösungen, künstliche Intelligenz oder Ähnliches geht – sondern es geht um etwas viel Grundlegenderes: um Metanoia.

6. Metanoia als Bewusstseinssprung

Im Altgriechischen bedeutet Metanoia (meta für nach, jenseits; noein für denken) eine grundlegende Veränderung des Denkens, ein echtes Mindshift. In einer Metanoia verändern wir unser Denken und Handeln, unsere Art zu leben, unsere Interpretation der Welt – und genau dies erzwingt die momentane Krise. Veränderungen im Leben kommen aus Lust oder aus Leid.

Entweder man hat eine Vision, einen Traum, ein „attraktives Bild einer möglichen Zukunft“, aus dem heraus die Veränderung stattfindet – oder es ist der Schmerz, das Leid. Wenn man die Bilder aus aller Welt, speziell aber aus Italien, Spanien und USA innerhalb der Corona-Krise vor Augen hat und selbst die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen spürt, dann wird eines klar: größer kann der Leidensdruck kaum sein. Doch aus dem Schmerz, dem Leid entwickeln wir eine neue Sicht auf die Welt. Wir machen einen Bewusstseinssprung, von dem wir vielleicht später einmal sagen werden: Es war das Ereignis in unserem Leben, welches uns zu den tiefgreifendsten Veränderungen bewegt hat.

Solche fundamentalen Veränderungen passieren nur ganz selten im Leben, fast immer im Zusammenhang mit existenziellen Erfahrungen. Tod, Krankheit, Trennung, berufliches Scheitern, ein Berufswechsel – diese schmerzlichen Ereignisse sind oft die Grundlage für Metanoia. Eine Metanoia geschieht, wenn wir danach anders sind als davor. Metanoia ist ein Prozess, der uns zur Einsicht zwingt, dass es so weder weitergehen kann, noch darf (vgl. HENNING, Anke; AVANESSIAN, Armen: Metanoia, Merve Verlag Berlin, 1. Auflage (2014)).

7. Metanoia als Schlüssel für unsere erfolgreiche Zukunft

Wir stehen vor gewaltigen Veränderungen, denn neben all den technologischen Entwicklungen wird die Corona-Krise mit größter Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass wir in einer Welt leben, die sich grundlegend transformiert. Ob besser oder schlechter lässt sich heute nur schwerlich vorhersagen. Klar ist jedoch, dass wir uns auf die neuen Herausforderungen einlassen müssen und sich unser Handeln an den zukünftigen Gegebenheiten ausrichten muss.

Nachhaltige Verhaltensänderungen finden jedoch nur dann statt, wenn sich die eigene Haltung, also die inneren Programme, verändern. Die liebgewordenen Einstellungen und Prägungen, die uns in der Vergangenheit ein hohes Maß an Sicherheit in einem stabilen Umfeld gegeben haben, sind jetzt die natürlichen Bremser, wenn es darum geht, sich wirklich und tiefgreifend zu transformieren. Um diesen Veränderungsprozess voranzubringen, braucht es eine viel größere Kraft. Diese ist unsere Wahrnehmung, unsere ganz eigene Sicht der Dinge, unser individuelles Bewusstsein!

Die mit der Corona-Krise verbundenen wirtschaftlichen und sozioökonomischen Folgen können somit eine enorme Chance für jeden von uns sein. Änderungen dieser Größenordnung, die kaum jemand von uns auch nur im Ansatz erlebt oder durchlebt hat, brauchen enorme Energien. Und diese kommen eben aus der Lust, aus der schöpferischen Kraft der Vision – oder aus dem Schmerz, dem Leid.

Die Corona-Krise zeigt uns auf, wie verletzlich, wie hilflos wir doch manchmal sind – sie erzeugt entsprechend großes Leid. Viele werden ihre Existenzen verlieren, manche sogar ihr Leben. Für alle anderen ist es nicht nur die Chance, sondern die Mission, jetzt schon zu beginnen, etwas Neues zu erschaffen.

Diese Haltung ist die wirkliche Grundlage für eine umfassende, nachhaltig wirksame Veränderung unseres Verhaltens.Und das entscheidende Element dabei ist: Wir müssen nicht nur immer wieder anders werden, wir können es auch – was wiederum Lust auf mehr macht!

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