Gerade für Frauen kann Unternehmensnachfolge neue Freiheiten und Gestaltungsspielräume eröffnen. Die Chance liegt darin, die eigene Rolle bewusst zu wählen und dort Verantwortung zu übernehmen, wo die eigenen Stärken am besten wirken.
Wenn in Unternehmerfamilien die nächste Generation übernimmt, geschieht das immer öfter nicht als Stabübergabe an eine Person, sondern als Übergang an ein Geschwisterteam.
In diesem Team fällt den Schwestern nicht selten eine besondere Doppelrolle zu. Während der Bruder gefragt wird, ob er „das unternehmerische Ruder übernimmt“, wird von der Schwester oft unausgesprochen erwartet, dass sie die Familie zusammenhält: Sie soll vermitteln, übersetzen und den Kontakt halten. Ein Naturgesetz ist das nicht. Wo Eltern früh und für alle Kinder gleich aussprechen, welche Kriterien zählen, verteilen sich beide Rollen nicht mehr automatisch nach Geschlecht. Und bleibt die Familienrolle doch bei der Schwester, entscheidet sie zunehmend selbst, ob sie diese Aufgabe annimmt, weil sie ihr liegt und sie darin wirken kann, oder ob sie diese bewusst mit den Geschwistern teilt.
Mehr Freiheit, mehr Gestaltungsspielraum
Lange wurde die Nachfolge fast automatisch dem ältesten Sohn zugedacht; Töchter kamen als Nachfolgerinnen kaum in den Blick. Dass sich das ändert, ist überfällig und es bringt einen oft übersehenen Unterschied zu den Brüdern mit sich. Der Sohn erbt in vielen Familien nicht nur das Unternehmen, sondern auch eine fertige Rolle: die des Nachfolgers an der Spitze, zugeschnitten auf das Vorbild des Vaters. Von ihm wird in vielen Fällen Fortsetzung erwartet. Die Tochter dagegen ist seltener von vornherein als Kronprinzessin gesetzt und gerade das verschafft ihr einen größeren Gestaltungsspielraum. Weil sie das Unternehmen nicht eins zu eins nach dem Vorbild des männlichen Vorgängers führen muss, ist sie freier darin, ihre Rolle zwischen Familie und Unternehmen selbst zu bestimmen.
Was auf den ersten Blick wie eine schwierige Zwischenposition aussieht, ist in Wahrheit eine seltene Freiheit. Sie kann entscheiden, ob sie an der operativen Spitze führt, als Eigentümerin die Richtung vorgibt oder beides verbindet. Sie kann Nähe zur Familie und unternehmerische Distanz neu austarieren, statt einer vorgezeichneten Linie zu folgen. Dieser Spielraum ist kein Zufall, sondern die Kehrseite dessen, dass ihr die selbstverständliche Erbfolge lange verwehrt blieb: Wo kein fertiges Drehbuch existiert, lässt sich ein eigenes schreiben.
„Ich glaube, dass mein Bruder einen ganz anderen Druck hatte, weil ihm dieses klare Bild vom Nachfolger zugeteilt wurde. Diesen Druck habe ich nicht bekommen, und dadurch konnte ich mich freier entfalten“, beschreibt Nicole Wimper, geschäftsführende Gesellschafterin von flex|pos und Teil eines Geschwister-Duos.
Rollenklarheit braucht Kommunikation und Struktur
Diese Freiheit kippt allerdings, sobald die Schwester zu stark in der Familienrolle gesehen wird. Dann fixiert die Zuschreibung sie auf eine einzige Rolle und macht ihre unternehmerische Leistung unsichtbar. Wer in ihr nur den „Kitt“ sieht, also die vermittelnde Rolle in der Familie, übersieht die Strategin, die Eigentümerin, die Gestalterin. Echte Wertschätzung besteht deshalb nicht darin, ihr die verbindende Rolle zu lassen, sondern ihr die Wahl der Rolle zu ermöglichen – einschließlich der Wahl gegen sie. Der Kitt ist keine Bestimmung. Er ist eine Aufgabe, die sichtbar gemacht, benannt und im Zweifelsfall auf mehrere Schultern verteilt werden sollte.
Damit aus dieser Freiheit tatsächlich Stärke wird und damit die Rolle wählbar, die Leistung sichtbar und der Kitt teilbar wird, genügt guter Wille nicht. Rollenklarheit entsteht nicht von selbst. Sie ist das Ergebnis von zweierlei zugleich: von offener Aussprache und von klarer Struktur, wobei das eine das andere bedingt. Das Gespräch darüber, wer welche Rolle wirklich tragen will und wer sie nur zugeschrieben bekommt, schafft die Klarheit, die verbindliche Zuständigkeiten und Gremien anschließend absichern. Umgekehrt bleibt jede Struktur Papier, wenn dieses Gespräch fehlt. Und beides ruht auf einem gemeinsamen Ziel. Geschwister teilen ihre Herkunft, aber nicht automatisch dieselbe Richtung. Ob die Rolle einer Tochter eine gewählte oder eine zugewiesene ist, entscheidet sich genau hier.
„Ich hatte wirklich die Freiheit, das zu machen, was ich möchte. Bei meinen Brüdern war das schon eher eine Schiene, für die war ziemlich klar, dass sie ins Unternehmen kommen. Bei mir hat sich das erst über Umwege ergeben, bis ich gemerkt habe: HR ist das, was wirklich meins ist“, erzählt Josefa Dettendorfer, die den Personalbereich im Familienunternehmen Spedition Johann Dettendorfer leitet.
Zukunft gestalten
Die starke Frau in der Geschwisternachfolge ist damit nicht die, die schwache Strukturen mit ihrer Kraft ausgleicht. Sie ist die, die in klaren Strukturen die Rolle findet, in der ihre Kraft wirkt. Und Stärke ist nicht an den vordersten Stuhl gebunden. Die aktive Gesellschafterin und die Beirätin gestalten Richtung und Zukunft eines Unternehmens ebenso wie die Geschäftsführerin. Wer die passende Rolle wählt und ausfüllt, ist stärker als wer die vermeintlich höchste besetzt. Häufig liegt gerade darin eine unterschätzte Kraft: Weil die Tochter ihre Rolle gestalten muss, statt sie zu erben, bringt sie Bewegung in das, was lange selbstverständlich schien und wird so oft zur eigentlichen Erneuerin des Unternehmens.
Gut zu wissen
Eine Stimme aus der Praxis zur Rollenverteilung in der Nachfolge: „Mein Vater hat uns nie unterschiedlich behandelt, egal ob wir ins Unternehmen gehen oder nicht, da war er immer sehr offen. Er gibt unfassbar viel Freiraum und hat einfach gesagt: Ihr müsst das unter euch klären, wie ihr euch aufteilt.“ – Sophia Strunz, die sich mit ihrer Schwester und ihrem Bruder die Geschäftsführung des Familienunternehmens LAMILUX teilt.