18.02.2019 | Autor: Julian van der Linden | Lesedauer: 3 Minuten

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Start-up-Lust und Innovations-Frust

18.02.2019 | Autor: Julian van der Linden
Lesedauer: 3 Minuten

Woher rührt eigentlich die derzeitige Versessenheit auf Start-ups und deren disruptive Ansätze? Sind es die massiven Herausforderungen der Digitalisierung, mit denen sich Unternehmen konfrontiert sehen, die zur Suche nach vermeintlich neuen Heilsbringern einlädt? Ist es der globale Überschuss von verfügbarem Kapital bei weitgehender Alternativlosigkeit hinsichtlich der Anlageformen?

Autor Julian van der Linden Projektleiter

Mag alles so sein, aber Teil der Wahrheit ist auch: Inhaber und Top-Manager – egal ob DAX- notiert, Mittelstand oder kleiner, familiengeführter Betrieb – sind auch deswegen vom Begriff „Start-up“ elektrisiert, weil sie eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten der eigenen Organisation sehen – und manchmal auch kaschieren möchten. In der Beraterpraxis fällt mir einiges auf, was auch eine groß angelegte, internationale Studie nahelegt: Je größer das Unternehmen und je höher die Hierarchie, desto größer ist die Sorge und die Risikobewertung, dass das eigene Geschäft disrupiert werden könnte (Quelle: CBInsights, State of Innovation 2018). Dies geht Hand in Hand mit der Einschätzung, dass Innovation für das eigene Unternehmen sehr wichtig ist – dies geben 85% der Befragten an, und jedes Top-Management, das ich kenne, sagt „Innovation ist wichtig“, genauso wie kaum ein Unternehmens-Leitbild ohne den Begriff „innovativ“ auskommt.

Gleichzeitig fokussieren die überwiegende Zahl der Unternehmen auf sogenannte inkrementelle Innovationen, also kleine, einfache, evolutionäre Verbesserungen an bestehenden Produkten und Prozessen. Diese haben dann eher Varianten, Produkt-/Serviceverbesserung, Produktivität und/oder Einsparungen zum Ziel. Das explizite Ziel hingegen, wirklich neue Produkte und Leistungen oder gar Geschäftsmodelle zu schaffen, die substantielles Umsatzpotential aufweisen, geben nur eine kleine Anzahl der befragten Unternehmen an.

Was auch auffällt: Viele Organisationen haben große Probleme damit, sich im Innovations-Kontext auf fremde Ideen und Beiträge von außen einzulassen – das sogenannte „Not invented here-Syndrom“. Stattdessen verlassen sich Unternehmen zu stark darauf, dass Innovationen aus den Reihen der Mitarbeiter und in der Zusammenarbeit mit den Kunden entstehen. Dieser Fokus auf das „eigene Erfinden“ und das Selbermachen ist nachvollziehbar und unbestritten oft auch ein guter Weg – tendenziell ist es aber auch der Weg, der am Längsten dauert. Hier beobachte ich die deutliche Neigung, dass Entscheider eher dazu tendieren bzw. immer zuerst darüber nachdenken, Voraussetzungen und Ressourcen für Innovationen selbst aufzubauen.

Wenn wir gerade bei Geschwindigkeit sind: Die Innovationsprozesse (soweit vorhanden) der Unternehmen sind zu langsam. 60% der Studienteilnehmer geben an, dass ihre jeweiligen Innovationsprozesse über ein Jahr lang benötigen, um ein neues Produkt marktreif zu bekommen. Das ist im Wettbewerb mit Start-ups, aber auch Disruptoren wie Amazon und Google (beide längst dem Start-up-Status entwachsen), viel zu träge. Hier gilt es, Methoden und agile Herangehensweise der Start-up-Szene zu nutzen und auf die eigene Organisation und deren Kultur zu adaptieren – aber bitte nicht stumpf kopieren, denn hier warten erhebliche kulturelle Fallstricke!

Um die Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen, nutzen die Innovations-Champions die Kooperation mit Partnern, Lieferanten und Beratern, sowie Einflüsse aus dem weiteren Umfeld, wie z.B. Partnerschaften aus Wissenschaft und Hochschulen, gezielte globale Wettbewerberbeobachtung und Kooperationen mit Start-ups, Acceleratoren, Inkubatoren etc. (entweder temporär, projektbezogen oder langfristig durch Beteiligungen).

All das heißt aber Folgendes: Die meisten Innovationsansätze (ich möchte hier gar nicht von Innovationsstrategien sprechen) sind eher ad-hoc getrieben oder verfolgen kein klares „Siegerpodest“-Ziel, sind eher langsam in der Umsetzung und meist ziemlich isoliert bzw. finden innerhalb des Unternehmens nur im eigenen Saft statt. Mit diesem Fazit ist es nicht verwunderlich, dass die „Start-up-Szene“ verlockend erscheint, mit ihren Visionären und den disruptiven Ansätzen, sowie ihren schnellen, agilen, auf Kooperation angelegten und digital-unterstützten Arbeitsweisen.

Mir macht aber eine andere Erkenntnis der Studie Mut: Innovations-Champions, also diejenigen befragten Unternehmen, bei denen ein hoher Innovations-Input mit einer sehr guten betriebswirtschaftlichen Entwicklung einhergeht, sind im Wesentlichen durch drei Aspekte charakterisiert: Sie sind First-Mover in ihren Märkten, sie gehen Risiken bewusst ein und sie sind vor allem Inhaber-geführt. Das heißt nicht automatisch, dass Familienunternehmen innovativer sind. Kommt aber zum weit verbreiteten Bewusstsein, dass Innovation für das eigene Geschäft überlebenswichtig ist, die Aktion hinzu, dann können viele Familienunternehmen die Stärken ausspielen, die sie besitzen: Kurze Entscheidungswege, gute Vernetzung in der jeweiligen Branche und einen klaren Fokus der Unternehmerfamilie. Daher sollten sich meiner Ansicht nach mehr Familienunternehmerinnen und -unternehmer darauf konzentrieren: Innovation ist Chefsache!

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