17.02.2020 | Autor: Maximilian Schalk | Lesedauer: 3 Minuten

Warum eigentlich … sollen wir alle weniger arbeiten?

Freizeit als neues Statussymbol

17.02.2020 | Autor: Maximilian Schalk
Lesedauer: 3 Minuten

In der Reihe „Warum eigentlich …?“ werden regelmäßig heiß diskutierte Themen der Unternehmensführung aufgegriffen und die Gründe für deren Umsetzung diskutiert. Zu oft werden Trends und/oder „Best Practices“, welche bei Vorreiter-Unternehmen zu großem Erfolg führen, von anderen Unternehmen halbherzig kopiert und bleiben erfolglos. Der Grund für dieses Scheitern ist meist das vernachlässigte Verständnis für die Hintergründe der Maßnahmen. Das wollen wir ändern und stellen uns also die Frage, egal ob agile Arbeitsweisen, Kicker im Büro oder Start-up-Kooperationen: warum eigentlich?

Autor Maximilian Schalk Berater

Alle arbeiten 8 Stunden – aber niemand arbeitet 8 Stunden

Arbeitszeiten sinken stetig. Arbeiteten amerikanische Arbeiter im späten 19. Jahrhundert noch durchschnittlich über 60 Stunden in der Woche, waren es 2014 schon nur noch 33 . Es ist also abzusehen, dass sich auch unsere – heute als normal empfundene – 40-Stunden-Woche, irgendwann überholt sein wird. Das Plädoyer von Sanna Marin, mittlerweile finnische Premierministerin, für die 4-Tage-Woche brachte das Thema erst kürzlich wieder ins Gespräch:„Ich glaube, die Menschen haben es verdient, mehr Zeit mit der Familie, ihren Liebsten, Hobbys und anderen Aspekten des Lebens wie der Kultur zu verbringen.“

Wem die 4-Tage- bzw. 32-Stunden-Woche jetzt bereits wenig vorkommt, tut gut daran sich einmal eine durchschnittliche Büro-Arbeitswoche vor Augen zu führen. Eine Befragung unter 2.000 Büroarbeitern aus Großbritannien hat ergeben, dass die durchschnittliche produktive Arbeitszeit an einem 8-Stunden-Tag nur bei knapp drei Stunden liegt . Was erst einmal absurd wenig klingt, ist eigentlich nicht mehr sonderlich überraschend. Schon lange wissen wir, dass die Arbeit die Zeit füllt – nicht andersherum. Das ist auch völlig logisch, denn in den allermeisten Arbeitsverträgen wird die geleistete Arbeit durch die eingesetzten Stunden statt durch tatsächliche Ergebnisse definiert. Ist das sinnvoll? Wahrscheinlich nicht. Ist es einfacher zu definieren und zu messen? Absolut. Ist es noch zeitgemäß? In vielen Bereichen nicht.

Die drei Stunden produktive Arbeitszeit aus Großbritannien sind wahrscheinlich nicht ganz repräsentativ, wenn wir aber ehrlich zu uns selbst sind, besteht an der Kernaussage eigentlich kein Zweifel. Wir arbeiten in der uns zur Verfügung stehenden Zeit oft äußerst ineffizient. Das frustriert, und zwar alle Beteiligten. Arbeitgeber sind mit einem Nutzungsgrad der Arbeitszeit von weit weniger als 100% unzufrieden. Auch für die meisten Arbeitnehmer ist dieser Zustand unbefriedigend, die meisten Menschen fühlen sich beim unproduktiv sein keineswegs gut. Denen könnte man natürlich entgegnen, dass sie einfach mehr arbeiten und produktiver sein sollen, bringt aber nichts. Das Problem sind keine „faulen Mitarbeiter“ (ein Mythos, den es im Übrigen in der Form kaum gibt, aber das ist ein anderes Thema). Außerdem ist „einfach mehr anstrengen“ selten eine Lösung. Das Problem liegt fast immer im System und den Anreizen, die dadurch geschaffen werden. Eine Bezahlung nach geleisteten Stunden motiviert in erster Linie dazu möglichst lange zu brauchen. Effizienz wird im schlimmsten Fall sogar bestraft.

Als Jugendlicher habe ich eine Zeit lang Briefe ausgetragen, bezahlt wurde natürlich nach Stunden. Als Ergebnis nahmen sich einige Aushilfen stundenlange Pausen und brachen abends ihre Zustellroute ab. Darüber kann man nun urteilen wie man mag – vom System wurde dieses Verhalten belohnt. Betriebswirtschaftlich war das nun mal die perfekte Strategie, minimaler Input bei maximalem Output. In vielen Bereichen ist unsere Arbeitswelt genauso aufgebaut, wir setzen falsche Anreize und beschweren uns dann über die Ergebnisse.Nun klingt es zwar schön, ist aber in gleichem Maße utopisch, in naher Zukunft alle Arbeitsmodelle komplett ergebnisorientiert umzustellen. Wir müssen aber dennoch regelmäßig hinterfragen, wie zeitgemäß unsere selbst geschaffenen Rahmenbedingungen noch sind und was wir tun können, um sie zu verbessern.

Viel arbeiten ist nicht mehr cool

Der gesellschaftliche Konsens bezüglich der individuellen Priorisierung von Geld und Zeit wandelt sich gerade enorm. Zeit gewinnt immer mehr an Bedeutung, wir bewegen uns hin zu einer Aufmerksamkeitsökonomie. In vielen Bereichen unseres Alltags sind wir längst nicht mehr von wirtschaftlichen Engpässen getrieben. Supermärkte quellen über, jedes erdenkliche Produkt ist nur eine Same-Day-Delivery weit weg und für jedes noch so exotische Bedürfnis gibt es schon eine Handvoll Start-ups, die bereits an dessen Lösung arbeiten.

Der Engpass hat sich verschoben, unser wertvollstes Gut ist unsere Zeit geworden. In einer Gesellschaft im Überfluss muss man sich eben gut überlegen, wofür man seine knappe persönliche Zeit verwenden will. Die Frage nach mehr Geld oder mehr Zeit beantwortet ein wachsender Teil der Bevölkerung zugunsten der Zeit. Mit diesen Bedürfnissen wachsen auch die Angebote für mehr Zeit trotz Job. So können sich seit 2017 die Angestellten der Deutschen Bahn zwischen tariflicher Lohnerhöhung (2,6%), zusätzlichem Urlaub (6 Tage) oder geringerer Wochen-Arbeitszeit (38 statt 39 Stunden) entscheiden. 59% der 140.000 Angestellten wählten die Freizeit.

In anderen Unternehmen gibt es stattdessen die 4-Tages-Woche oder den 5-Stunden-Arbeitstag als Standard, Gehalt und Urlaubsanaspruch bleiben dabei gleich. Sogar in großen Unternehmensberatungen und Anwaltskanzleien, die sonst eher von Wochen-Arbeitszeiten nördlich der 50 Stunden geprägt sind, verändert sich etwas. Mittlerweile gibt es vereinzelt Arbeitszeiten wie die 40- oder 35-Stunden-Woche, z.B. bei den beiden Großkanzleien Linklaters und McDermott. Zur Führungsposition bringt man es damit nach eigenen Aussagen zwar nicht, aber immerhin tut sich etwas. Und das in Branchen, in denen gelegentlich immer noch damit geprahlt wird, wie viel man arbeitet und wie wenig man schläft.

Und jetzt? – Eine ehrliche Diskussion muss her

Diese Lösungsansätze scheinen auf den ersten Blick radikal. Die Arbeitszeit bei gleichem Gehalt drastisch zu reduzieren klingt betriebswirtschaftlich zunächst unangenehm. Das muss auch nicht sofort sein, aber Ihre Unternehmenskultur sollte den offenen Diskurs über Arbeitszeiten zulassen. Denn nach jetzigem Stand trauen sich viele Mitarbeiter gar nicht zuzugeben, wie schnell sie ihre Aufgaben eigentlich erledigen können oder könnten, aus Angst mit mehr Arbeit „bestraft“ zu werden. Als Resultat wird dann oft Zeit abgesessen, das hemmt die gesamte Produktivität und macht unglücklich. Das wiederum senkt Motivation und Kreativität und schadet so Mitarbeitern und Unternehmen gleichermaßen.

Wenn Sie mit der Leistung eines Mitarbeiters zufrieden sind, ist es dann nicht eigentlich egal ob er sie in 5 oder 8 Stunden erbracht hat? Und wenn Ihnen die Leistung bisher das Gehalt wert war, ist die Wochen-Arbeitszeit dann nicht eine irrelevante Messgröße? Vielleicht ist der 5-Stunden-Tag nicht die perfekte Lösung für Ihr Unternehmen oder sogar generell. Aber es lohnt sich allemal darüber nachzudenken, ob die Rahmenbedingungen die Sie schaffen, auch wirklich Ihren gemeinsamen Zielen dienen.

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