11.08.2020 | Autor: Maximilian Schalk | Lesedauer: 3 Minuten

Warum eigentlich … braucht jedes Büro einen Kicker?

11.08.2020 | Autor: Maximilian Schalk
Lesedauer: 3 Minuten

In der Reihe „Warum eigentlich …?“ werden regelmäßig heiß diskutierte Themen der Unternehmensführung aufgegriffen und die Gründe für deren Umsetzung diskutiert. Zu oft werden Trends und/oder „Best Practices“, welche bei Vorreiter-Unternehmen zu großem Erfolg führen, von anderen Unternehmen halbherzig kopiert und bleiben erfolglos. Der Grund für dieses Scheitern ist meist das vernachlässigte Verständnis für die Hintergründe der Maßnahmen. Das wollen wir ändern und stellen uns also die Frage, egal ob agile Arbeitsweisen, Kicker im Büro oder Start-up-Kooperationen: warum eigentlich?

Autor Maximilian Schalk Berater

Die Salonfähigkeit des Tischfußballs

Wo man auch hinschaut, Tischkicker sind heute in so vielen Büros zu finden wie wahrscheinlich noch nie zuvor. Und zwar längst nicht mehr nur im Start-up-Inkubator oder Coworking Space, sondern auch bei bodenständigen Mittelständlern. Wie so oft: Die erfolgreichen Tech-Giganten machen es vor, der Rest macht es nach. Wenn facebook einen Kicker im Büro hat, ist doch völlig klar, dass auch wir zu digitalen Disruptoren werden, wenn wir nur oft genug Tischfußball spielen.

Auch wir haben einen Kicker in der Küche stehen. Egal ob für eine Viertelstunde Ablenkung am Nachmittag oder für ein ausgedehntes After Work-Turnier, ein fester Kern der Bürobelegschaft trifft sich regelmäßig in der Küche zum Freuen und Ärgern, Gewinnen und Verlieren, zum gemeinsamen Spielen eben. Und wer zu null verliert, backt einen Kuchen.

Das Ganze verschönert das Büroleben meiner Meinung nach deutlich:

Flache Hierarchien: Nirgendwo sonst begegnen sich Kollegen so hierarchieunabhängig und auf Augenhöhe wie bei einem anarchistisch angehauchten Kicker-Match. Wo sonst sieht man Praktikanten und Geschäftsführer freudig abklatschen? In Statusmeetings, Mitarbeitergesprächen und Jour Fixes auf jeden Fall eher selten. Im Büroalltag liegen sonst einfach oft mehrere Kommunikationsebenen zwischen den einzelnen Hierarchieebenen, selbst bei kleinen und eigentlich „flachen“ Unternehmensstrukturen.

Teambuilding: Das Argument kann wahrscheinlich schon niemand mehr hören, propagiert es doch jeder Kicker-Hersteller auf seiner Webseite. Aber es stimmt, am Kicker treffe ich einige Kollegen, mit denen ich in der alltäglichen Arbeit (leider) kaum Berührungspunkte habe. Wenn man sonst wenig miteinander zu tun hat, bietet ein gemeinsames Match eben oft einen guten Gesprächsanlass.

Spaß: Seinen Emotionen kann man im Arbeitsalltag selten so ungefiltert freien Lauf lassen wie beim Kickern, die Spielerei macht einfach Freude. So viel Freude, dass ich mich am Wochenende schon ab und an dabei ertappt habe, den nächsten Arbeitstag und die damit verbundene Kicker-Runde zu durchdenken. Es soll wohl auch schon mal vorgekommen sein, dass Kollegen trotz Urlaubstag auf eine nachmittägliche Runde vorbeigekommen sind.

Freizeit im Büro – egal wie?

Der Kicker ist weithin das präsenteste Beispiel, aber natürlich nicht der einzige Weg die beschriebenen Vorteile für das eigene Team zu nutzen. Bei einem vorherigen Arbeitgeber haben wir zum Beispiel mit ein paar Handgriffen ein Netz montiert und damit einen Tisch im Besprechungsraum zu einer Tischtennisplatte umfunktioniert. Auch reguläre Tischtennisplatten sind in Büros keine Seltenheit mehr. Eigentlich ist es aber erstmal ziemlich egal welcher Spielerei man nachgeht, solange es den Teamgedanken fördert, für alle zugänglich ist und zumindest etwas kommunikativ ist. ZEIT ONLINE beleuchtet in einem Artikel eine Vielzahl von Spielereien im Büro, von Tetris über Federball bis hin zum Kicker.

Alles gut und schön, oder?

Bei uns im Büro hat der Kicker keine ausgesprochenen Gegner, zumindest nicht, dass ich wüsste. Im Allgemeinen gibt es sie aber natürlich, und das auch meist zu Recht. Viele Freizeitaktivitäten machen Lärm und lenken ab. Insbesondere wenn die Tischtennisplatte mitten im Großraumbüro steht oder die Kollegen bei einer besonders mitreißenden Partie ihre Emotionen lautstark kundtun. Das kann zwar für die Spieler therapeutisch sein, nervt aber alle anderen, und zwar völlig zu Recht. Und selbst wenn man lärmgeschützt spielt, ist natürlich nicht alles nicht so rosarot wie es zunächst scheinen mag. Begabte Spieler sind auch die begehrteren Teamkollegen, das kann soziale oder hierarchische Gefälle schlimmstenfalls noch verstärken statt sie aufzubrechen. Wer das Match verliert, kann sich niedergeschlagen fühlen und unproduktiver sein; wer gewinnt muss von seinem Hoch erstmal runterkommen oder sich von der körperlichen Anstrengung erholen.

Pausen hoch, Produktivität runter?

Der am häufigsten genannten Kritik stimme ich jedoch nicht zu. Die Produktivität der Spielenden wird oftmals frei nach dem Motto „Wer kickern kann, hat wohl zu viel Zeit“ kritisiert. Als nächstes kann man dann noch hochrechnen, dass pro 10 Minuten Kickern am Tag, pro Jahr fast eine ganze Arbeitswoche (ca. 37 Stunden) dafür verwendet wird. Die Rechnung stimmt natürlich, verschließt aber die Augen vor der Realität und sucht das Problem am falschen Ort. Bei Wissensarbeitern in Büros kommen Pausen ohnehin ständig vor. Mit Pausen meine ich hier alle Zeiten, die nicht produktiv genutzt werden. Manchmal sind sie offensichtlich, beim Rauchen oder Kaffee holen zum Beispiel. Andere Pausen sind viel versteckter, wer scheinbar konzentriert auf seinen Bildschirm starrt, sieht zwar produktiv aus, ist es aber ehrlicherweise auch nicht immer. Denkpausen kommen einfach vor und das ist auch völlig in Ordnung. Dann ist es aber ehrlicher und auch befriedigender die Pause für etwas Erfrischendes oder Entspannendes zu nutzen, statt nur der Außenwahrnehmung wegen am Schreibtisch zu sitzen. Und wer sich zwischendurch eine bewusste Pause nimmt, ist danach meist auch wieder fokussierter.

Kicker hin oder her, auf die Kultur kommt es an

Was können wir also aus dem Trend zur Freizeit-Beschäftigung im Büro lernen? Ein Kicker in der Küche oder eine Tischtennisplatte im Eckbüro machen Ihr Unternehmen sicherlich nicht innovativer, kreativer oder moderner. Wichtig ist die Kultur, die dahinterliegt. Eine Unternehmenskultur, in der jede Pause und jeder frühe Feierabend mit kritischen Blicken und Tuschelei beantwortet wird, wird auch durch einen Kicker nicht gerettet. Andersherum wird er in einer offenen, wertschätzenden und ehrlichen Unternehmenskultur gar nicht unbedingt gebraucht. Bevor man also einen Kicker anschafft, macht es Sinn sich über die eigene Unternehmenskultur im Klaren zu sein. Zusammenhalt, Vertrauen und Wertschätzung können durch den gemeinsamen Zeitvertreib zwar gestärkt, keinesfalls jedoch ersetzt werden.

Beitrag teilen: