07.03.2019 | Autor: Peter Renner | Lesedauer: 3 Minuten

Keine Angst vor KI

Potenziale entdecken und ausschöpfen

07.03.2019 | Autor: Peter Renner
Lesedauer: 3 Minuten

Künstliche Intelligenz (KI) ist sozusagen die Königsklasse der Datennutzung. Peter Renner, Experte für KI und Innovation im Mittelstand, empfiehlt, mit kleinen Projekten zu beginnen und sich bei der Einführung von KI auf einzelne Bereiche zu fokussieren.

Autor Peter Renner Berater

Ein Algorithmus, so Renner, sei eine Art Schritt-für-Schritt-Anleitung, um ein Problem zu lösen. „Algorithmen werden meistens von Hand geschrieben und folgen starren Regeln nach dem Prinzip ‚wenn … dann‘. Bei sich ändernden Umständen muss jede neue Regel folglich manuell eingegeben werden. Damit ist es aber nicht möglich, die Komplexität einer dynamischen Welt abzubilden“, sagt er. „Kluge, selbst lernende Algorithmen dagegen sind mit dem menschlichen Gehirn vergleichbar, das aus unzähligen Neuronen besteht, die Informationen aus der Umwelt aufnehmen und in neuronalen Netzwerken verarbeiten. Aufgrund der Informationen senden sie zum Beispiel Befehle an unsere Muskeln. Wir lernen, indem wir diese Vorgänge wiederholen. Je öfter wir Tennis spielen, desto intuitiver schlagen wir den Ball zurück. Je öfter der Golfer seinen Schwung trainiert, desto intuitiver trifft er den Ball. KI imitiert das menschliche Gehirn mittels künstlicher neuronaler Netzwerke. Der Algorithmus wird trainiert, indem man ihm Informationen in Form von Daten zur Verfügung stellt, anhand derer er Ableitungen treffen kann. Diesen Prozess nennt man Machine Learning. Grundsätzlich gilt: Je mehr Daten der Algorithmus für sein Training erhält, desto zuverlässiger funktioniert er. Am Ende steht KI, die sich nicht mehr an starre Wenn-Dann-Regeln hält, sondern auf neue Informationen reagiert und sich anpasst.“

KI nutzt alle Daten

Überall dort, wo Daten anfallen, also in jeder Abteilung und in jedem Unternehmen, kann man laut Renner aus KI einen Nutzen ziehen, sogar wenn die Daten noch gar nicht vorliegen: „Dann installiert man eben einen Sensor an der Maschine, um Daten zu gewinnen.“ Potenzial gebe es insbesondere dort, wo noch viel manuelle Arbeit geleistet und Routinetätigkeiten ausgeführt würden. In diesen Bereichen sehe man auch am schnellsten einen Fortschritt. „Fragen Sie sich, welche Prozesse besonders mühselig ablaufen“, empfiehlt der Experte Unternehmern. „Häufig findet man diese in der Buchhaltung, in der Auftragserfassung oder auch im Bewerbermanagement.“ Renner unterscheidet die vier Bereiche Markt und Kunde, Prozesse, Dienste wie Management oder HR sowie Geschäftsmodelle. In allen Bereichen kann KI einen entscheidenden Beitrag leisten. „KI unterstützt Unternehmen zum Beispiel darin, das Kaufverhalten ihrer Kunden besser zu verstehen. Nehmen wir an, eine Firma verkauft Regenschirme. Allgemeine Wetterdaten können verraten, dass es in drei Tagen regnen wird. Kombiniert man diese Daten beispielsweise mit dem „Klick“-Verhalten auf der Website, könnte die KI Muster im Kaufverhalten erkennen und automatisch Angebote für Regenschirme an Interessenten versenden – zum perfekten Zeitpunkt, nämlich kurz bevor es zu regnen beginnt. KI könne ein zielgerichtetes Marketing ermöglichen oder zum Beispiel mit Chatbots den Kundenkontakt verbessern. Großes Potenzial liege auch in Prozessen wie der Routenplanung und Logistik. „KI kann alle Daten zusammenbringen und Muster erkennen“, sagt Renner und bekräftigt: „Jede Dateneinheit ist über KI nutzbar, indem sie in Zusammenhang gebracht und kombiniert wird. Der Mensch ist nicht in der Lage, diese Komplexität abzubilden, KI aber schon.“

Frühzeitig loslegen

Unternehmer, die mit dem Einsatz von KI beginnen wollten, müssten sich zunächst in das Thema einarbeiten und dahinter stehen. Es reiche nicht, mit KI zu beginnen, weil es alle machten. „KI-Projekte müssen auf Geschäftsleitungsebene angeschoben werden. Es muss einen Sponsor im Management geben, der den Projektleiter unterstützt“, mahnt Renner. Der Berater empfiehlt, erste KI-Projekte in einem kleinen Anwendungsgebiet mit externen Spezialisten zu beginnen. „Viele von ihnen verfügen über eigene Softwarelösungen und Tools, die an das Unternehmen angepasst werden. Auf diese Weise können erste Erfahrungen mit KI gesammelt und KI-Kompetenzen schrittweise auch intern aufgebaut werden. Später kann und sollte KI Teil der Unternehmensstrategie und Organisation werden, zum Beispiel indem ein zentrales Datenmanagement oder ein CDO installiert wird.“ Das Problem bei der Nutzung digitaler Lösungen wie KI seien oftmals die Organisationsstrukturen mit ihren Silos, denn der Kunde denke nun einmal nicht in Silos. „Früher ging der Kunde in einen Laden. Im Falle einer Reklamation brachte er das beanstandete Produkt dorthin zurück. Heute haben die Unternehmen mehrere Stores, einen Onlineshop und zusätzliche Services. Der Kunde hat vielleicht online bestellt, möchte das Produkt aber im Laden zurückgeben. Diese Welten müssen verbunden werden. Dafür brauchen wir in vielen Bereichen eher Netzwerk- und nicht Linienorganisationen. Ein zentrales Datenmanagement beispielsweise kann die beiden Welten verbinden“, betont Renner. Aber am allerwichtigsten sei es, einfach loszulegen. Lernen könne man im Tun. „Nehmen Sie als Beispiel Chatbots. Am Anfang funktionieren sie vielleicht nicht perfekt. Heute werden die Kunden Missgeschicke noch verzeihen, aber in fünf Jahren, wenn Chatbots Alltag sind, verzeihen sie nicht mehr, sondern sind verärgert“, sagt Renner.

Kreativität statt Routine

Nicht vergessen dürfe man bei KI-Projekten die Mitarbeiter, die oft fürchten würden, ersetzt zu werden. Das sei zwar teilweise richtig, denn durch KI fielen die meisten der eintönigen Routinetätigkeiten weg, allerdings entstehe hierdurch eine enorme Chance: Mitarbeiter haben mehr Zeit für wesentlich strategischere Aufgaben. Man geht davon aus, dass die Anzahl an Arbeitsplätzen durch KI vorerst nicht sinkt, Tätigkeiten sich aber fundamental verändern werden. Insbesondere die Nachfrage nach Fachkräften in kreativen, menschennahen Tätigkeiten wie beispielsweise der Pflege, die sich nicht automatisieren lassen, und natürlich im IT-Bereich wird ansteigen. Doch auch da könne man sich nicht darauf verlassen, ausreichend gut ausgebildete Nachwuchskräfte zu finden. „Eine digitale Umrüstung der Schulen und Hochschulen bezüglich deren Ausstattung und in den Lehrplänen steht noch immer aus.“ Deshalb sei es umso wichtiger, die eigenen Mitarbeiter von Anfang an einzubinden. „Schaffen Sie bei KI-Projekten unbedingt von Anfang an Transparenz: Warum führen wir KI ein? Wie führen wir KI ein? Was verändert sich in der täglichen Arbeit und für die Mitarbeiter?“, empfiehlt Renner. „Nehmen Sie die Mitarbeiter an die Hand, bieten Sie Schulungen, Umschulungen und Weiterbildungsmöglichkeiten an. Schaffen Sie Anreize, sich mit KI auseinanderzusetzen.“

Erschienen in: DIE NEWS, März 2019

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