12.03.2018 | Autor: Julian van der Linden | Lesedauer: 4 Minuten

Start-up vergeht – Familienunternehmen besteht

Warum das goldene Zeitalter der Start-ups bald vorbei ist

12.03.2018 | Autor: Julian van der Linden
Lesedauer: 4 Minuten

Die Begeisterung für Start-ups und deren Macher ist weiterhin ungebrochen – Blogs, Medien und selbsternannte Insider überschlagen sich fast mit euphorischen Berichten und Prognosen. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser Hype endet. Die entscheidenden Faktoren: Technik, Köpfe und Kapital.

Autor Julian van der Linden Projektleiter

Bei allen Anstrengungen zur Digitalen Transformation von Unternehmen und der Gesellschaft und bei allen segensreichen neuen Apps und Services, übersieht man leicht folgendes: Insbesondere die Tech- und Digital-Szene ist fest in der Hand von einigen mächtigen Akteuren, deren Brands jeder kennt: Microsoft, Apple, Google (bzw. Alphabet), Facebook und Amazon. Die letzten drei waren vor gut zehn Jahren selbst noch Tech-Start-ups im klassischen Sinne – heute besitzen diese fünf Unternehmen eine Vielzahl an Technologien und Patenten, unterschiedlichste Plattformen und Marken und darüber nahezu alle erdenklichen Kundenzugänge (inkl. der entsprechenden Daten über das Kaufverhalten ihrer Kunden), an denen heute viele Start-ups, genauso wie etablierte Unternehmen, nicht mehr vorbeikommen.

Und bevor ein vielversprechendes Tech-Start-up in die Sphären der sog. „Unicorns“ vordringt – als magische Grenze gilt eine Unternehmensbewertung von über 1 Mrd. US-Dollar – wird dieses von einem der fünf genannten Riesen oder anderen aktiven Corporate Venture Capitalists aufgekauft. Wenn diese nicht schon längst in einer Frühphase in dieses Start-up investiert haben. So hat beispielsweise Google in elf der weltweit insgesamt 228 Unicorns direkt investiert.

Erfolgstyp Start-up-Gründer

Wenn ich den Aspekt „Köpfe“ betrachte, dann hat mir die Studie „Einhorndompteure“ von Prof. Julian Kawohl und Sascha Grumbach zu denken gegeben: Diese haben sehr deutlich herausgearbeitet, dass eben nicht die Geschichte von Mark Zuckerberg die Quintessenz für Start-up-Erfolg bildet. Stattdessen wurden hochbewertete Start-ups fast ausnahmslos von gut ausgebildeten, männlichen Gründern aufgebaut, die vorher entweder Führungspersönlichkeiten in bestehenden Unternehmen waren oder bereits mehrere Start-ups gegründet hatten. Man kann also beruhigt davon ausgehen, dass diese Persönlichkeiten auch andere Alternativen hatten und haben, als „nur“ als Entrepreneur das eigene Unternehmen aufzubauen, weil sonst kein anderer Weg zum persönlichen Erfolg führt. Und während für solche Typen noch vor etwas mehr als zehn Jahren die Perspektive Investmentbanker oder Unternehmensberater das goldene Ticket „nach oben“ versprochen hat, lockt nun viele der einträgliche Exit, also der Verkauf des eigenen Start-ups an einen Investor oder einen internationalen Konzern.

Sollten sich also in Zukunft die Perspektiven für junge, schlaue und erfolgshungrige Menschen ähnlich deutlich verändern, dann wird das Thema „Start-up“ mit allen damit verbundenen persönlichen Mühen und Risiken wahrscheinlich nicht mehr so spannend sein. Und wir können davon ausgehen, dass ein Großteil derjenigen Köpfe, die heute erfolgreiche Entrepreneure sind und als Inspiration für andere wirken, diesem Markt einfach nicht mehr zur Verfügung stehen, was dauerhaft der Attraktivität und Strahlkraft der Start-up-Szene schaden würde.

Investieren oder nicht investieren?

Der dritte und aus meiner Sicht entscheidende Aspekt: Zuviel Kapital im Markt befeuert den Start-up-Hype. Die aktuelle Jagd nach lukrativen Start-up-Deals ist auch darin begründet, dass sowohl Finanz- als auch strategische Investoren in der aktuellen, globalen Niedrigzins-Phase sehr viel Kapital liquide zur Verfügung haben, bei meist gut laufenden Geschäften. Die „Kriegskassen“ sind voll und Kapital muss investiert werden – das führt dazu, dass auch schnell mal Bewertungen für Start-ups aufgerufen werden, die im Hinblick auf das Marktpotential und den bisherigen Erfolg der jungen Unternehmen einfach nicht gerechtfertigt sind. Die Furcht vor entgangenen Deals und der Konkurrenz, die ja schneller und/oder schlauer sein könnte, verleitet sowohl Investoren als auch langfristig orientierte Kapitalgeber. Nicht umsonst lautet die deutsche Übersetzung von „Venture Capital“ Wagnis- oder Risikokapital.

Was aber wird passieren, wenn es globale oder zumindest regionale konjunkturelle Eintrübungen gibt und/oder die Zinsniveaus weltweit spürbar anziehen (und damit andere Investitionen bzw. Anlageformen wieder attraktiver werden)? Insgesamt weniger Investitionen, die weniger freigiebig an insgesamt weniger Start-ups verteilt werden, werden weniger echte Erfolgsstories produzieren. Das ist natürlich weniger interessant und berichtenswert auf Kongressen und in den einschlägigen Medien, was wiederum die Faszination für die Start-up-Szene beeinflussen wird – ebenso wie deren Selbstverständnis.

Dass das rauschende Start-up-Fest nicht ewig andauert ist klar. Doch kommt danach einfach die nächste Party oder bleibt nur Katerstimmung? Das ist nicht mit Sicherheit zu beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass die Chancen für langfristig agierende, strategisch orientierte Investoren aus dem deutschen Mittelstand wieder beträchtlich steigen werden, um bei neuartigen Entwicklungen mit dabei zu sein. Um hier zum richtigen Zeitpunkt zum Zuge zu kommen, empfehle ich den exzellent ausgerichteten Familienunternehmern, sich jetzt mit dem strategischen Fit von potentiellen Start-ups zu beschäftigen.

Dieser Artikel wurde zuerst im TOP 100-Blog veröffentlicht.

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