17.09.2018 | Autor: Philipp Boxleitner | Lesedauer: 3 Minuten

Generationenübergang wie aus dem Bilderbuch?

17.09.2018 | Autor: Philipp Boxleitner
Lesedauer: 3 Minuten

Der paradox formulierte Satz des Kybernetikers Heinz von Foerster „Nur die Fragen, die im Prinzip unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ soll hier als Ausgangspunkt für die Betrachtung typischer Paradoxien in Familienunternehmen dienen. Erfolgreiche Familienunternehmen sind in der Lage Entscheidungen zu treffen, die weder richtig noch falsch sind. Sie konzentrieren sich auf das Ausloten möglicher Optionen und das Eröffnen weiterer Denkräume, statt auf die Suche nach „der einen“ Wahrheit.

Autor Philipp Boxleitner Senior Berater

Unentscheidbarkeit als gedanklicher Hintergrund

Den meisten Personen fällt es gar nicht auf, dass sie eine Entscheidung getroffen haben. Sie haben nicht gemerkt, dass da eine Freiheit bestand, in der sie sich entschieden haben oder entscheiden konnten. Während entscheidbare Fragen richtig oder falsch sein können, sind prinzipiell unentscheidbare Fragen an die Verantwortung mit der Entscheidung gebunden. Es gibt keinen Zwang zur Entscheidung einer Alternative, denn weder Logik, die Objektivität oder andere Regeln schränken die Möglichkeit der Entscheidung ein. Ständig entscheiden wir also prinzipiell unentscheidbare Fragen, ohne es zu merken.

Zusätzliches Paradoxon durch widersprüchliche Systemlogiken

In einem Familienunternehmen, treffen mit den untrennbar verbundenen Systemen Familie und Unternehmen zudem sehr unterschiedliche, zum Teil sich diametral gegenüberstehende Handlungsaufforderungen aufeinander. Was aus Sicht des Unternehmens logisch und richtig erscheint, kann aus Sicht der Familie oder einzelner Familienmitglieder falsch sein.

So kann die aktuelle Generation zum Beispiel Schwierigkeiten haben, sich in der Nachfolgesituation zu entscheiden, wenn sowohl fähige als auch unfähige Nachfolger ins Unternehmen einsteigen möchten. In der Logik der Familie wäre eine Gleichbehandlung erstrebenswert, während das Unternehmen für seinen Systemerhalt eine Ungleichbehandlung fordert. Das Unternehmen wird auf Dauer nur mit fähigen Führungskräften erfolgreich und damit am Markt bestehen bleiben.

Hier kann die Begleitung durch einen externen Berater der Entscheidungsfindung in einem Prozess dienen, bei dem sich die Familie zwischen mehreren Möglichkeiten hin- und hergerissen fühlt. Denn die Folge ist dann oft eine „Nicht-Entscheidung“, ein „Vor-sich-Herschieben“ oder ein „Sich-im-Kreis-Drehen“.

Änderung des Eigenverhaltens der Familie

Mit Hilfe eines strukturierten Konfliktbearbeitungsverfahrens können diese, zum Teil sehr belastenden, Situationen gelöst werden, indem die Betroffenen zu einer möglichst selbstbestimmenden und autonomen Konfliktlösung ermutigt werden. Die reine handlungsweisende Beratung aufgrund der Diagnose des Konflikts/Problems, wie so oft gewünscht, ist hier nicht zielführend. Wir bedienen uns stattdessen der systemischen (bzw. kybernetischen) Betrachtungsweise.

Danach erscheinen sowohl die Familie als auch deren Mitglieder als (sich selbst steuernde) operational geschlossene Systeme. Durch die Wechselwirkungen der Familienmitglieder wird in der Familie ein bestimmtes Eigenverhalten generiert, das einzelne oder auch alle Beteiligten nicht zufrieden stellt. Mit Hilfe von geeigneten Methoden kann die Familie zu einem neuen Eigenverhalten geführt werden, sodass die Mitglieder einer Familie beginnen, anders miteinander umzugehen. Wenn sie ihre Perspektive wechseln und sich so in die anderen Familienmitglieder hineinversetzen, finden sie dabei andere Antworten. Das Resultat: ein neues Eigenverhalten kann entstehen.

Eröffnung neuer Denkräume

Die Begleitung durch einen Berater dient der Öffnung von Möglichkeitsräumen, weg von „entweder – oder“, hin zu „sowohl als auch“ oder „keins von beidem“. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Klarheit durch die vertiefte Beschäftigung mit den hinter den Entscheidungsoptionen liegenden Werten, Bedürfnissen und Wirklichkeitskonstruktionen geschaffen wird. Dies führt gelegentlich auch zu der Erkenntnis, dass das Treffen einer Entscheidung nach den anfänglichen Kriterien nicht mehr notwendig oder sogar unsinnig wäre. Ein Beispiel hierzu: Eine Inhaberin kann sich nicht entscheiden zwischen „Fortführung der in Generationen gelebten Praxis, sodass die Familie den geschäftsführenden Gesellschafter stellt“ und „Einstieg in die gemischte Geschäftsführung unter Hinzuziehung von Fremdgeschäftsführern“.

Als ich ihr nahelegte, auch die Möglichkeit „keins von beidem“ zu erwägen, fiel der Groschen: Sie möchte als Mitglied des Beirats die Geschicke des Unternehmens überwachen und sich auf andere Aktivitäten außerhalb der Geschäftsführung konzentrieren. Bevor dies nicht mit der Familie abgeklärt ist, macht die oben genannte Entscheidung keinen Sinn. Und selbst dann stand die Frage im Raum, ob ihre Tätigkeit im Beirat überhaupt Sinn macht oder ihre Interessen und ihre Kompetenzen nicht außerhalb des Unternehmens liegen.

Fazit

Wenn Sie die für Familienunternehmen typischen Paradoxien, wie unentscheidbare Zielkonflikte zwischen den Systemen Familie und Unternehmen, akzeptieren und bereit sind sich nicht permanent für eine Seite zu entscheiden, sondern gemeinsam und wechselseitig von Fall zu Fall festlegen, welcher Möglichkeit Sie den Vorzug geben möchten, sind Sie in der Lage als Familienunternehmen in Selbstorganisation die beiden Systeme Familie und Unternehmen professionell zu managen.

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