06.09.2021 | Autor: Johannes Josnik | Lesedauer: 3 Minuten

Digitale Transformation – ein pragmatischer Ansatz

Wie Sie zum Treiber des Wandels werden

06.09.2021 | Autor: Johannes Josnik
Lesedauer: 3 Minuten

Während es ganze 75 Jahre und damit umgerechnet 27.375 Tage gedauert hat, bis das Telefon weltweit von 50 Millionen Personen genutzt wurde, erreichte Facebook schon nach 365 Tagen diese Nutzeranzahl. Pokémon Go! benötigte hierzu lediglich 5 Tage. Über die Beliebtheit oder Sinnhaftigkeit dieser Erscheinungen mag man diskutieren, eine Erkenntnis jedoch liefern sie: Digitale Transformation passiert im Hier und Jetzt immer schneller und mit grenzenloser Reichweite. Dennoch wird das Thema der Digitalisierung in den Unternehmen viel zu oft leichtfertig als Begleiterscheinung des 21. Jahrhunderts abgehandelt oder gar als undurchsichtige und unkontrollierbare Risikoquelle betrachtet. Dabei ist es weit mehr als nur ein Trend, der dafür sorgt, dass Schulkinder mit Tablets ausgestattet werden oder Großeltern WhatsApp nutzen. Nein, sie ist der treibende Motor unserer gegenwärtigen industriellen Revolution, der „Industrie 4.0“, und führt, wie auch ihre Vorgänger, einen tiefgreifenden Wandel in der Unternehmenswelt von heute, morgen und übermorgen herbei. Und weil Veränderungen und Fortschritt wichtig sind, um Wachstum zu generieren, sollte der digitale Wandel auch ganz oben auf Ihrer Unternehmens-Agenda stehen.

Johannes Josnik Senior Projektleiter
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Digitalisierung vs. digitale Transformation – was steckt eigentlich dahinter?

Im Unternehmen fällt unter den Begriff der Digitalisierung jegliche Umwandlung und Abbildung von analogen Inhalten in eine digitale Form mithilfe der zur Verfügung stehenden digitalen Mittel. So werden digitale Fotos zu analogen Bildern, anstatt von Papier werden Scans verwendet und Briefe durch E-Mails ersetzt. Genauso lassen sich Prozesse und Abläufe digitalisieren und mit dem Einsatz entsprechender Technologien in einem weiteren Schritt auch automatisieren, was beispielsweise bei einem Bestellvorgang über einen Online-Shop Anwendung findet.

Während die Digitalisierung die reine Anwendung neuer Technologien in den jeweiligen Geschäftsbereichen der Organisationen bedeutet, fokussiert die digitale Transformation eine kundenzentrierte Anpassung jener digitalen Möglichkeiten. Sie nutzt diese, um Probleme zu lösen oder völlig neue Ansätze zu schaffen. Ihr Ausgangspunkt ist also der Kunde und der Markt, nicht die Technologie.

Um den „digitalen“ Kunden heute effektiv zu erreichen, beinhaltet der digitale Wandel neben einer Investition in neue Systeme, Informations- und Kommunikationstechnologien vor allem eine passende Unternehmensstrategie. Zusammen mit einer Unternehmenskultur, in der mit offenem Mindset moderne Tools und Prozesse akzeptiert und implementiert werden, kann schließlich eine effiziente Interaktion mit der gesamten Unternehmensumwelt erreicht werden. Im Folgenden möchte ich Ihnen diese und weitere Handlungsfelder aufzeigen, die im Rahmen der digitalen Transformation für Sie relevant sind.

Startpunkt: Kunde

In welcher Form und mit welchem Ausmaß eine digitale Transformation in Ihrem Unternehmen erfolgen sollte, bestimmt zunächst der Kunde. Dazu ist es unerlässlich, über ein umfassendes Verständnis und Wissen über dessen Situation, Probleme, Bedürfnisse und Wünsche zu verfügen. Wie entsteht der Kaufimpuls? Wie informiert sich der Kunde über mögliche Produkte? Auf welchem Weg erfolgt der Kauf? Wie kann der Kunde auch langfristig begeistert und an das Unternehmen gebunden werden? Antworten auf diese Fragen können Sie beispielsweise mithilfe der Customer Journey ermitteln, die sämtliche Berührungspunkte des Kunden mit der Marke, dem Produkt oder der Dienstleistung innerhalb einzelner Zyklen analysiert. Berücksichtigen Sie hierbei, wie neue Technologien die Geschäftswelt und das Verhalten der Kunden beeinflussen, bereits verändert haben und weiter verändern werden.

Eine weitere Ausprägung der Kundenorientierung und Zentrierung beim digitalen Wandel liegt darin, einen Fokus auf den relevanten Kundennutzen zu setzen. Zusätzlich zu einem Angebot von Produkten und Dienstleistungen, die den Erwartungen und Ansprüchen der Endkunden entsprechen oder diese sogar übertreffen, soll mittels (vorausschauender) Kundeninteraktion durch Marketing, Sales, Service etc. eine emotionale Bindung bzw. ein Konsumgenuss entstehen. Dem Customer-Experience-Management folgend wird aus einem zufriedenen Kunden ein loyaler und begeisterter Kunde, der schließlich als Markenbotschafter durch indirekte Effekte wie eine Weiterempfehlung aktiv zur Markenstärkung beiträgt. Auf dem Weg der digitalen Transformation sollten Sie daher auch bei der Messung der Kundenzufriedenheit die Vorteile von modernen Technologien, wie z. B. dem Live Experience Tracking, nutzen und in Ihre Geschäftsprozesse integrieren.

Mit dem strategischen Weitwurf zum Ziel

Anstatt sich zu fragen, wo das Unternehmen im nächsten Jahr stehen wird, sollte die Frage wie folgt lauten: Was müssen wir heute tun, um langfristig zu überleben? Lassen Sie die operative Planung und den „Blick in den Rückspiegel“ hinter sich und setzen Sie stattdessen auf einen „Wurf nach vorne“. Demzufolge setzen Sie sich ein Wachstumsziel in der Zukunft und leiten daraus strategische Ziele ab, die in Form von konkreten Handlungen die Lücke zwischen dem heutigen Geschäft und Ihrem zukünftigen Zielbild schließen sollen.

Ein möglicher Zielzustand könnte dabei ein neues Geschäftsmodell sein, das im Rahmen des digitalen Wandels den „neuen“ vierten Produktionsfaktor Daten zusätzlich zu Arbeit, Boden und Kapital miteinschließt. Denn aus Daten lassen sich Algorithmen ableiten und deren Nutzung hat enormes Gewinnpotenzial, was uns Plattformen wie Uber oder Airbnb zeigen: die größte Taxifirma der Welt, ganz ohne eigene Taxis, und die größte Hotelfirma der Welt, aber ohne eigene Hotels. Die Macht dieser Unternehmen ist dennoch so groß, dass sie für herkömmliche Taxiunternehmen und die klassische Hotellerie eine bedrohende Konkurrenz darstellen. Worauf sie bauen? Ein digitales Geschäftsmodell, welches durch digitale Vernetzung mittels neuester Technologien den größtmöglichen Kundenmehrwert erzielt.

Operative Exzellenz – Super Skill der Wertschöpfung

Ein rein digitales Geschäftsmodell ist aber noch längst kein Garant für ein erfolgreiches und zukunftsfähiges Unternehmen. Viel ausschlaggebender ist zunächst die aktive Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und all den Technologien, die sie uns bietet. Erst dann können individuell für die Organisation, das Wertangebot und den Kunden passende Tools gefunden werden, deren Nutzung in der Wertschöpfungskette einen Wandel vorantreiben. Wenn Sie Ihre (neugewonnenen) Prozesse, Strukturen und Verhaltensweisen schließlich so ausrichten, dass Ihr Unternehmen ein kontinuierliches Lernen und Verbessern zulässt, fördern Sie stetig Ihre Leistungsfähigkeit und stärken dadurch Ihre Marktposition.

Hierbei kann die Industrie 4.0 Ihr neuer Partner werden. Ihr Ziel ist die bestmögliche Vernetzung von physischer und digitaler Welt zur Vereinfachung, Rationalisierung und Verbesserung aller Tätigkeiten im Unternehmen durch eingebettete Systeme. Als Kombination aus Hard- und Software sind diese für die Ausführung einer oder mehrerer Funktionen in einem größeren System, wie einer zentralen Heizungsanlage oder einem Geldautomaten, zuständig.

Im Rahmen der Digitalisierung der industriellen Wertschöpfung verbindet die Industrie 4.0 unter anderem die zunehmende Individualisierung von Produkten mit den Vorteilen der Großserienproduktion. Ein Beispiel dafür ist „Additive Manufacturing“ (3D-Druck), welches besonders effizient bei der Herstellung von Prototypen, Kleinserien und individuellen Produkten ist. Von 2013 bis 2018 wies der globale Markt im Bereich additiver Fertigung eine Umsatzsteigerung von 105% auf und birgt weiteres enormes Wachstumspotenzial in den nächsten Jahren. Ein großer Vorteil dieser Fertigungsmethode sind die fallenden Stückkosten aufgrund einer hohen Frequenz an technologischen Innovationen, dem Wegfallen von Nachbearbeitungen als auch der Anpassung von Prozessketten. Nebenbei adressiert additive Fertigung die steigende Umweltdynamik in Entwicklung und Produktion.

Gemeinsam in Richtung digitale Geschäftswelt

Ein digitales Geschäftsmodell im Stahlhandel – können Sie sich das vorstellen? Gisbert Rühl, CEO von Klöckner & Co. Se, einem Stahl- und Metallhändler aus Duisburg, hat sich dies zum Ziel gesetzt und nach dem Nachfrageeinbruch der letzten Finanzkrise ein Umdenken in seinem Unternehmen angestoßen. So wurde er vom Krisenmanager zum digitalen Akteur und Treiber des Wandels in einer Branche, deren Digitalisierungsmöglichkeiten als eher gering erscheinen mögen. Heute befindet er sich zusammen mit seinen Mitarbeitern inmitten einer Transformation, die die Vorteile eines digitalen Geschäftsmodells für sich nutzen will: Es ist krisensicherer, erhöht die Reaktionsfähigkeit, beschleunigt die Entscheidungsfindung, entlastet Mitarbeiter durch automatisierte Vorgänge, senkt variable Kosten und ermöglicht schnelleres Wachstum durch einfache Skalierung.

„Wenn sich die Stahlindustrie selbst nicht der digitalen Welt öffnet, dann wird ein Anderer von außen die Welt des Stahls digital öffnen.”– Gisbert Rühl (CEO Klöckner & Co. SE)

In drei Schritten vom digitalen „Aufholer“ zum „Überholer“

Um den Koloss des digitalen Wandels auch in Ihrem Unternehmen ins Rollen zu bringen, sollten Sie unbedingt am „Kern“ beginnen – Ihre Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzten motivieren und Lust auf Veränderung schaffen. Zeigen Sie mit Beispielen wie von Gisbert Rühl, was möglich ist. Bedenken Sie, dass eine digitale Transformation nicht nur zum Selbstzweck erfolgt, sondern vielmehr als „Enabler“, also Möglichmacher, betrachtet werden sollte, der wiederum neue Wege und Handlungsoptionen für Sie und Ihre Organisation eröffnet.

Machen Sie den Anfang und behalten Sie dabei folgende Zielhorizonte im Kopf:

  1. Wirtschaftlichkeit: inkrementelle Verbesserung des bestehenden Geschäftsmodells (z.B. verbesserte Effizienz)
  2. Stabilisierung: Erweiterung des bestehenden Geschäftsmodells (z.B. Value Added Service)
  3. Zukunftsfähigkeit: Erschließung neuer (disruptiver) Geschäftsmodelle

Fazit

Der digitale Wandel betrifft uns alle, und zwar in jedem Lebensbereich. In der Arbeitswelt beeinflusst er unsere Datennutzung, fordert und fördert Kompetenzen und Fähigkeiten, prägt Kultur und Mindset neu und wirft ethische Fragen auf, auf die wir erst noch Antworten finden müssen. Wir dürfen nicht mit Stillstand reagieren und uns gegen diese Veränderung stellen, sondern zusammen mit ihnen wachsen, Innovationsmöglichkeiten und Vernetzungspotenziale ausschöpfen und gestärkt in der Industrie 4.0 auftreten.