13.09.2019 | Autor: Dorothee Brommer | Lesedauer: 3 Minuten

Die Unkonferenz

Format zum echten Wissensaustausch

13.09.2019 | Autor: Dorothee Brommer
Lesedauer: 3 Minuten

Organisationen fit für die Zukunft machen, rechtzeitig die richtigen Weichen stellen und frische Innovationskraft schöpfen. Auf das, was kommt, vorbereitet sein. Ein Wunsch, den viele Unternehmen haben – wie aber umsetzen? Wir befinden uns in einer Umbruchphase, im Übergang von einer geschlossenen Industrie- hin zu einer offenen Wissensgesellschaft, in der Information und Wissen in den Mittelpunkt rücken. Gleichzeitig prägt die stetig zunehmende Veränderung unser Leben in allen Bereichen. Wir spüren im Arbeitsalltag den allgegenwärtigen Druck, ständig neue Ideen und Innovationen liefern zu müssen. Doch wo und unter welchen Umständen entstehen die besten Ideen? Wo findet echter Wissensaustausch statt? Wo wird Know-how aufgebaut? Wo kann man über sich selbst hinauswachsen? Und wo entstehen noch verlässliche Netzwerke? Die Antwort ist einfach: In der Welt der Unkonferenzen!

Autorin Dorothee Brommer Trainerin und Kulturstrategin

Was unterscheidet eine Unkonferenz von einer Konferenz? Überall werden Fachkonferenzen mit hochkarätigen Rednern und beeindruckenden Programmen angeboten. Dem dritten Vortrag in Reihe kann man jedoch meist nicht mehr folgen, döst weg oder widmet sich anderen Dingen wir beispielsweise das Beantworten von E-Mails. In den Pausen hingegen ist man wieder fit und hat erfrischende Gespräche. Denn auf Fachkonferenzen tummeln sich – wie es der Name schon sagt – Fachleute. Daher stehen erfahrene Experten nicht nur auf der Bühne, sie sitzen auch im Publikum. Ihr Wissen aber kommt in der Regel nicht zum Tragen.

Wer es anders möchte und seine Zeit als Quality Time verbringen und mit Menschen seines Schlages in Verbindung kommen möchte, ist auf einer Unkonferenz (auch BarCamp genannt) gut aufgehoben. Die nämlich stellt Konferenz-Modelle auf den Kopf: Ideen entstehen, ein Wissensaustausch findet statt, Know-how wird aufgebaut; man wächst über sich selbst hinaus und betreibt ein ehrliches Netzwerken.

Das Prinzip von Konferenzen auf den Kopf gestellt

Die erste Unkonferenz fand 2003 im Silicon Valley statt und entsprang genau dieser Erkenntnis, dass Kaffeepausen die mit Abstand produktivsten Phasen einer Konferenz darstellen. Hier wird hochkarätiges Wissen ausgetauscht und werden Kontakte geknüpft. So lud der Verleger und Softwareentwickler Tim O’Reilly, der unter anderem den Begriff des partizipativen „Web 2.0“ bzw. „Open Source Software“ prägte, die besten Köpfe aus dem Silicon Valley ohne irgendeine Form der Agenda ein und stellte das Prinzip einer Konferenz schlichtweg auf den Kopf: Er machte die Pausen zum eigentlichen Kern der Konferenz – und etablierte das Format in Form einer jährlich stattfindenden interdisziplinären Veranstaltung in der Welt der neusten wissenschaftlichen Forschung. Da dieses Camp nur geladenen Gästen zur Verfügung stand, hatte ein Teilnehmer 2005 die Idee, eine offene Veranstaltung, die ohne Einladung besucht werden konnte, parallel stattfinden zu lassen – die Geburtsstunde des ersten offenen Bar-Camps.

Drei wesentliche Prinzipien von Unkonferenzen

Bei einer Unkonferenz treffen die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort auf herausfordernde Themen. Damit dies passieren kann, gelten hier andere Regeln als in klassischen Organisationen. Statt gehorsamer Ausführung gilt motiviertes und selbstbestimmtes Denken und Handeln. So nämlich werden genau die Regelwerke außer Kraft gesetzt, die im Arbeitsleben produktive Arbeit und wirkliche Zusammenarbeit verhindern. Gleichzeitig finden Prinzipien ihren Platz, die auf ein respektvolles und kompetenzbasiertes Miteinander einzahlen.

Die drei wesentlichen Prinzipien sind dabei:

  1. Freiwilligkeit: Jeder Teilnehmer ist Teilgeber und bestimmt darüber, was er selbst zu welchem Zeitpunkt und in welcher Form einbringen will. Wichtig und wirkungsvoll ist, auch wenn es ungewöhnlich erscheint, dass er bei einer Unkonferenz nur nach seinen eigenen Interessen handelt. All dies geschieht völlig unspektakulär und wird nicht persönlich genommen. Denn nur, wer etwas beitragen kann, sorgt für sich selbst und bei allen anderen Teilgebern für ein gutes Gefühl. Daher entscheidet jeder auch für sich selbst, an welchen Sessions er teilnehmen will. In der Session selbst, entscheidet man ebenfalls jederzeit, ob es noch interessant ist oder ob man sich etwas anderes erhofft hat. Ist letzteres der Fall, bringt man sich ein, so dass es in die Richtung geht, wie man es sich vorgestellt hat; oder geht in eine andere Session.
  2. Kompetenz: Titel spielen keine Rolle, sondern nur der eigene Beitrag – egal, ob man Praktikant oder Geschäftsführer ist. Denn jeder ist Experte aus seiner Sicht. Daher ist auch jede Perspektive richtig. Deshalb sollte auch keiner versuchen, in den Sessions eine Wahrheit herauszufinden – denn davon gibt es immer mehrere. Viel spannender ist, den Wert unterschiedlicher Sichtweisen zu entdecken und sich darüber zu freuen. Und auch zu sehen, was es mit einem selbst macht; welche Freude es gar bereitet, wenn man nach und nach verschiedene Perspektiven wie Mosaiksteine zusammensetzen kann.
  3. Augenhöhe: Auf Unkonferenzen gilt das professionelle „Du“, Titel und Funktionen fallen weg. Denn das einzige, was zählt, sind die Beiträge. Man bringt sich eben auf Augenhöhe ein.

Organisation einer Unkonferenz

Im Prinzip kann jeder eine Unkonferenz organisieren. Essenziell ist dabei, sich intensiv mit dem Format vertraut gemacht und es im Kern seiner Offenheit wirklich verstanden zu haben. Gute Begleiter nehmen Sie an die Hand und befähigen Sie, wie Sie selbst eine gute Unkonferenz veranstalten können.
Aber Achtung: Unkonferenzen sind – und das mag für den einen oder anderen Planer und Perfektionisten nicht leicht auszuhalten sein – ergebnisoffen. Keiner weiß, was am Ende des Tages passiert und hat in seiner Rolle als Organisator oder Moderator keinen Einfluss auf die Themen und Ergebnisse. Einzig beeinflussbares Element ist der Gestaltungsrahmen, den man bereitstellt. Dabei bieten Moderatoren an, statt zu fordern oder Vorschriften zu machen. Vielmehr schaffen sie den Raum, damit viel Neues passieren kann.

Mehrwert für mittelständische Unternehmen

Unkonferenzen bieten in vielerlei Hinsicht Mehrwerte. Wenden zukunftsorientierte Unternehmen dieses Instrument intern an, erleben sie, wie ihre Mitarbeiter motiviert Wissen teilen sowie Ideen für interne Strukturen und Prozesse mitsamt Lösungsmöglichkeiten diskutieren. Denn mit einer Unkonferenz werden Umdenkprozesse in Gang gesetzt und vorhandene Energien freigesetzt. Wer es bereits erlebt hat, beschreibt den Prozess als eine kreative Art der Selbstoptimierung des Unternehmens – da jeder zu Wort kommt.

Neben Innovationen, die bei Unkonferenzen in kürzester Zeit entstehen, können natürlich auch Unstimmigkeiten auf den Tisch kommen. Eine weitere Chance für Unternehmen; offen diskutiert können sie als Weg in die richtige Richtung genutzt werden. Denn die Missstände sind ohnehin vorhanden und führen langfristig unterschwellig zu ansteigendem Frust und Unzufriedenheit. Ob Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen oder der Wandel hin zur offenen und vertrauensvollen Unternehmenskultur, im Paket Unkonferenz ist vieles inbegriffen. So auch die günstige Kostenstruktur, denn Unkonferenzen sind für den Bruchteil eines gängigen Konferenzbudgets und Organisationsaufwands realisierbar. Zu all dem gehört ausgesprochen viel Mut, die Bereitschaft loszulassen sowie eine hohe Hartnäckigkeit, diese neue Kultur beständig zu entwickeln. Ich verspreche Ihnen aber: Wer einmal eine Unkonferenz erlebt hat, wird nichts anderes mehr erleben wollen!

Unkonferenzen erleben

Die nächste und einzige deutsche Unkonferenz zum Neudenken explizit für GeschäftsführerInnen findet am 10. Oktober 2019 in Nürnberg statt.

Eine Liste gängiger Unkonferenzen/BarCamps gibt es hier: https://barcampr.de/ und
https://www.barcamp-liste.de/

Der BookSprint: Eine besondere Art der Unkonferenz
Fachartikel zu diesem und weiteren aktuellen Themen, die zum Umdenken anregen, finden Sie in „Faszination New Work – 50 Impulse für die neue Arbeitswelt“, das in einem BookSprint entstanden ist – einer ganz besonderen Form der Unkonferenz. Über 20 Experten, die heute immer noch auf besondere Weise miteinander verbunden sind, holten an nur einem Wochenende das Maximum aus sich heraus. Das Ergebnis: ein impulsreiches Fachbuch.

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