27.03.2018 | Autor: Stefan Gutsch | Lesedauer: 3 Minuten

Agilität braucht Menschen mit charmanter Beharrlichkeit

Start-up-Mentalität in Israel

27.03.2018 | Autor: Stefan Gutsch
Lesedauer: 3 Minuten

Warum hat ein Land mit nur 7 Mio. Einwohnern und ohne natürliche Ressourcen mehr Unternehmensgründungen als Japan, Indien, Korea und Großbritannien? Am Beispiel Israel können wir viel darüber lernen, wie gelebte Agilität einen Nährboden für Wohlstand und Innovation bietet.

Autor Stefan Gutsch Partner

Eines der interessantesten Sachbücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe, ist das Buch „Start-up Nation – the Story of Israel`s Economic Miracle“ von Dan Senor und Saul Singer. Warum das Buch gerade für Unternehmer/innen eine Inspiration sein kann, wenn Sie sich mit dem Thema Agilität beschäftigen? Agile Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie aktiv Veränderungen aufspüren, diese für sich richtig interpretieren und schnell in Lösungen für ihre Kunden umwandeln – denn der Wettbewerb schläft nicht.

Wir haben es noch nie getan und tun es jetzt!

In solch Situationen agieren Sie unter hoher Unsicherheit, manchmal im Blindflug, weil wir es immer öfter schlichtweg so noch nie gemacht haben. Wir brauchen jetzt exzellent ausgebildete Menschen, die Experten in ihrem Fach sind und beharrlich nach der besten Lösung suchen. Auch wenn sie am Anfang scheitern können. Diese Menschen müssen in einer Kultur arbeiten, in der Fehler kritisch hinterfragt werden aber auch „erwünscht sind“, damit Ideen auf ein höheres Level gebracht werden. Die Kultur muss eine hohe Gruppen-Dynamik aushalten und soll Hierarchien konsequent in Frage stellen, wenn dies der Sache nützt.

Ein wirklich beeindruckender Teil des Buches „Start-up Nation“ erklärt, wie Einstellung und Kultur („the little nation that could“) als Motor für Veränderungen und Innovation im heutigen Israel dienen. Die Autoren beschreiben das Phänomen mit dem hebräischen Wort „Chuzpe“ auf den Punkt und mit einem Augenzwinkern. Es drückt so etwas wie „zielgerichtete, intelligente Unverschämtheit, charmante Penetranz und unwiderstehliche Dreistigkeit“ aus. Dabei ist es mehr eine gelebte Geisteshaltung als Definition für das Lehrbuch der Soziologen. Studenten hinterfragen Professoren und heizen Diskussionen an, Angestellte nehmen sich das Recht ihre Vorgesetzten täglich zu hinterfragen („wer führt eigentlich wen?“) und sogar im Militär können Untergebene ihre Ranghöheren in Frage stellen, was mehr als einmal zur Ablösung eben dieser geführt hat.

Erfolg und Fehler helfen weiter

Die Autoren beschreiben eine Kultur der „intelligenten Fehler“. Nachhaltige Innovationen entstehen nur, wenn es vorher eine große Anzahl von Fehlern gab, so das Credo des Buches. Erfolg und Fehler werden wertneutral aber intelligent analysiert, getrieben von einer Frage: „Was können wir für unsere nächsten Schritte daraus lernen?“ Nicht Querulanten sind am Werk, sondern exzellent ausgebildete Querdenker, die unter schwierigsten Umständen immer in Lösungen denken. Dies alles wird sehr authentisch und mit Beispielen beschrieben.

Der Erfolg gibt erst einmal Recht. Ein flächenmäßig so kleines Land wie das Bundesland Hessen, ohne eigene Ressourcen und mit großen Konflikten an den Grenzen hat in jüngster Geschichte etwa 6.000 Start-ups hervorgebracht. In 2017 wurde das Start-up Mobileye – führender Hersteller für Prozessoren in der Bilderkennung beim autonomen Fahren – von Intel für zirka 15. Mrd. $ gekauft. Damit ist Mobileye fast zehnmal so teuer wie die jüngst verkaufte deutsche Automarke Opel. Angeheizt durch Technologieinkubatoren, die in den Frühphasen Projekte staatlich fördern (Programm Yozma), ist eine Dynamik entstanden die amerikanische wie europäische Konzerne immer stärker in die Start-up-Kultur des Landes investieren lässt.

Kultur im Aufbruch

Natürlich ist diese Erfolgsgeschichte besonderen Umständen geschuldet, wie die Autoren ausführlich schildern, und lässt sich nicht als Blaupause übertragen.

Meiner Meinung nach trägt das Buch aber eine Botschaft, die für das Thema Agilität von zentraler Bedeutung ist: In der Welt von morgen, in der wir mehr und schneller Fragen beantworten und Unsicherheit zulassen müssen, brauchen wir eine Kultur des Vertrauens und der Verantwortungsübernahme. Dies lässt sich nicht verordnen, sondern muss sich entwickeln und wachsen. Dinge morgen komplett anders machen, seine eigene Position hinterfragen und daraus eine Dynamik entstehen lassen – das muss in einer Kultur von agilen Unternehmen tief verwurzelt sein, damit Mitarbeiter/innen etwas wagen, Fehler machen und daraus lernen ohne das Gefühl des Versagens. Viel ist im Aufbruch und viele Familienunternehmen gehen hier genau in die richtige Richtung. Jetzt gilt es dran zu bleiben und die Kultur wachsen zu lassen.

Max Viessmann, in vierter Generation an der Spitze des mittelständischen Heizungsunternehmens, hat die Zeichen der Veränderung erkannt und richtet das Geschäftsmodell hin zu Dienstleistungen rund um intelligentes Wärmemanagement neu aus. Viessmann bringt es passend auf den Punkt: „Mitarbeiter/innen müssen die Erfahrung machen, dass funktioniert, worüber wir reden. Dann beginnt sich die Haltung der Menschen zu ändern“.

Lassen Sie sich von „Start up Nation“ inspirieren, denn ein wenig mehr „Chuzpe“ kann uns allen für die Herausforderungen von morgen nicht schaden.

Welche Erfahrung machen Sie täglich mit Agilität in Ihrem Unternehmen?

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