Hintergrund

17.07.2017 | Digitaler Reifegrad und Transformationsimpuls

Digitale Reife fängt mit der Strategie an

Von Hauke Fricke

Die Digitalisierung ist unlängst zu einem Projektionswort geworden, welches Erwartungen, Hoffnungen und Ängste zugleich aufsaugt. Unstrittig ist, dass Unternehmer sich mit der Digitalisierung und den Veränderungen, aber auch Chancen, die sie mit sich bringt, auseinandersetzen müssen. Um der Handlungsnotwendigkeit gerecht zu werden, sich jedoch nicht in der Digitalisierung zu verrennen, sollte über folgende Aspekte nachgedacht werden.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck

Das Verständnis für die Notwendigkeit, sich dem Thema der digitalen Transformation zu widmen, ist mittlerweile auch in der traditionellsten Branche und dem rentabelsten Geschäftsmodell angekommen. Unlängst wird auf jeder Veranstaltung zur Digitalisierung anhand der zahllosen Beispiele disruptiver Geschäftsmodelle aufgezeigt, dass neue Player den Markt mit unglaublicher Geschwindigkeit und Skalierbarkeit
aufrollen. Mittlerweile ziehen auch Familienunternehmen mit digitalen Transformationsinitiativen nach. So gründete zum Beispiel vor nicht allzu langer Zeit das Traditionsunternehmen Viessman einen Company Builder, richtete auch das Stammunternehmen klar anhand der erarbeiteten Digitalisierungsstrategie aus und gilt damit mittlerweile als Vorzeigeunternehmen in Transformationsfragen. Trotz der überall kommunizierten Aufbruchsstimmung dürfen sich Unternehmen nicht dazu zwingen lassen, planlos «loszudigitalisieren».

Auch in der Digitalisierung darf die Grundmaxime der Logik nicht ignoriert werden. Die Grundlage einer jeden unternehmerischen Handlung ist eine saubere Analyse der Ausgangssituation. Dazu gehört im Falle der Digitalisierung zunächst ein nach innen gerichteter Blick mit der Frage, wie es um die Fähigkeiten und Kompetenzen der Organisation steht, die Digitalisierung anzugehen. Anders ausgedrückt: Wie steht es um den digitalen Reifegrad des Unternehmens?

Digitalisierungskomplexität in Scheiben schneiden

Die Mannigfaltigkeit der Themen rund um die Digitalisierung zwingt Familienunternehmen dazu, diesen Mega-Trend auf ein handhabbares Mass an Komplexität zu reduzieren. Dazu gehört das Verständnis, in welchen verschiedenen Dimensionen die Digitalisierung in welchem Mass wirken kann.

Verschiedenste Forschungsinstitute, Beratungen und Digitalexperten haben sich mit der Frage beschäftigt, wie man Digitalisierung in Unternehmen sinnvoll betrachten kann (MIT, St. Gallen, bitkom). Entsprechend der Komplexität lassen sich zum folgenden Modell x-beliebig viele Dimensionen hinzufügen. Letztendlich ist es zielführend, folgende Dimensionen genauer zu betrachten:

Mitarbeiter: Die Fähigkeit der Mitarbeiter, den digitalen Wandel mitzutragen und voranzutreiben, ist entscheidend. Das Nutzen von vorhandener digitaler Kompetenz und deren gezielter Auf-/ Ausbau erleichtert die kommenden Transformationsprozesse.

  1. Verfügen die Mitarbeiter über breite digitale Kompetenzen (z.B. ERP, CRM), und gibt es womöglich spezielle digitale Kompetenzen (z.B. Cloud Computing, SEO/SEM)?
  2. Wie digital-affin sind Ihre Mitarbeiter und wie werden digitale Projekte angenommen?
  3. Bieten Sie Weiterbildungen an, um Mitarbeiter digital zu befähigen?

Kultur: Die Kultur bildet die Veränderungsleitplanken in Organisationen. Sie entscheidet darüber, wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Wandel umgesetzt werden können.

  1. Wie offen werden Veränderungen in Ihrem Unternehmen aufgenommen?
  2. Ist abteilungsübergreifendes, kollaboratives Arbeiten möglich, oder besteht Silo-Denken?
  3. Werden emergent entstandene Veränderungsanstösse aufgegriffen, überprüft und ausgewertet?

Technologie: Die Kenntnis um neue digitale Technologien trägt wesentlich zu der Befähigung bei, die Digitalisierung anzugehen. Technologie bezieht sich hierbei sowohl auf die Kenntnis von Soft- und Hardware als auch auf die Fähigkeit, diese anzuwenden.

  1. Verfügt Ihr Unternehmen über eine leistungsstarke IT, die in der Lage ist, die Digitalisierung zu begleiten und voranzutreiben?
  2. Beschäftigt sich Ihr Unternehmen mit Schlüsseltechnologien und Themen der Digitalisierung (z.B. Smart Data, digitalisierte Prozesse, Kollaborationssoftware, Robotik, IoT, Cloud-Technologie)?

Kundenbeziehungen: Kundenbedürfnisse im digitalen Kontext zu verstehen ist wichtiger denn je und dient dazu, die Kundenbindung zu erhöhen und identifizierte Bedürfnisse in Produkte und Dienstleistungen einfliessen zu lassen, um jederzeit die richtige Kundenlösung parat zu haben.

  1. Wie verändert sich die Customer Journey Ihrer Kunden durch die Digitalisierung?
  2. Welche Kundenkontaktpunkte sind die für Ihr Unternehmen relevanten, und wie wünschen sich Ihre Kunden hier den Beitrag durch Ihr Unternehmen?
  3. Wie gut analysieren Sie erhobene Daten und identifizieren Sie daraus Verbesserungspotenzial, das Ihren Kunden Zusatznutzen stiften kann?

Leadership: Führung im digitalen Raum führt zu einigen Veränderungen. Hier stellt sich die Frage, wer mit Weisungsbefugnissen ausgestattet ist, die Digitalisierung anzuführen, und wie sich Führung im digitalen Kontext verändert.

  1. Wer treibt die Digitalisierung in Ihrem Unternehmen voran, und ist die Person mit ausreichenden Weisungsbefugnissen ausgestattet?
  2. Lebt die Führungsmannschaft den Wandel aktiv vor?
  3. Wie reagiert Ihre Führungsmannnschaft auf eventuell auftretende Fehler?

Strategie: Grundlage für die Betrachtung aller vorangegangenen Dimensionen ist die Strategie. Strategische Überlegungen beziehen sich dabei sowohl auf die bestehende Organisation, gegenwärtige Geschäftsmodelle als auch auf potenziell neue Geschäftsmodelle.

  1. Verfügen Sie über eine klare Digitalisierungsstrategie mit definierten Zeitbezügen und Umsetzungsprojekten?
  2. Mit welcher Priorität verfolgen Sie die Digitalisierungsstrategie und deren Teilelemente?
  3. Denken Sie auch aktiv über neue digitale Geschäftsmodelle bzw. über Wettbewerber nach, die Ihr Geschäftsmodell durch Disruption angreifen könnten?

Strategy wins!

Die Erfahrung zeigt, dass von allen Dimensionen in der Strategie der grösste im Transformationshebel liegt. Das Entwickeln einer Digitalisierungsstrategie zwingt Entscheider, sich systematisch und analytisch mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Zugleich ist es ein Signal, dass das Unternehmen auf Basis des momentanen digitalen Reifegrads Transformationsprojekte ausrollen will. Strategische Überlegungen betrachten dabei die Istsituation und skizzieren für Umsetzungsprojekte ein klares Sollbild. Um die digitale Transformation anzugehen, berücksichtigen Sie folgende Impulse:

Transformationsimpulse

1. Setzen Sie sich als Unternehmer konkret mit der Digitalisierung und den Einflüssen dieser Entwicklung auf Ihre Branche auseinander.

2. Erarbeiten Sie sich über die vorgestellten Dimensionen zunächst einen qualitativen Zugang zur Messung Ihrer digitalen Reife und unterlegen Sie diese in einem zweiten Schritt mit klar messbaren KPIs.

3. Definieren Sie eine Digitalisierungsstrategie mit klar festgelegten Zeitbezügen und Instrumenten zur Erreichung Ihres definierten Ziels. Denken Sie bei der Erstellung Ihrer Strategie auch an neue, disruptive Geschäftsmodelle; jedoch beschränken Sie Ihre Überlegungen keinesfalls nur auf solche Aspekte.

4. Berücksichtigen Sie bei der Erstellung Ihrer Digitalisierungsstrategie auch das Aufbauen einer leistungsfähigen IT-Abteilung. Sehen Sie diese nicht nur als administrative Stelle an, sondern auch als Befähiger für die digitale Transformation.

5. Sensibilisieren Sie Ihre Mitarbeiter für die Digitalisierung zum Beispiel durch Weiterbildungen und kommunizieren Sie der Belegschaft klar, in welche Richtung die digitale Reise geht.

6. Positionieren Sie sich als Verantwortlicher für den digitalen Wandel an strategischen Stellen, von denen aus Sie Change-Impulse gezielt über ausgewählte Führungskräfte (Promotoren) setzen können. Achten Sie darauf, dass Sie den Wandel stetig an der von Ihnen erarbeiteten Digitalisierungsstrategie ausrichten, und holen Sie sich dazu wenn nötig digitale Experten von aussen.

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Quelle: ManagementLetter, Weka