Hintergrund

11.08.2017 | Unternehmer vs. Spekulanten

Immer mehr Unternehmen betätigen sich als Risikokapitalgeber, um Start-Ups zu unterstützen

Kommentar von Julian van der Linden

CVC (Corporate Venture Capital) gewinnt an Relevanz in der strategischen Unternehmensführung – eine interessante Chance für Familienunternehmen?

Eine Möglichkeit für Familienunternehmen zur Zusammenarbeit mit Start-ups kann darin bestehen, sich an diesen zu beteiligen. Je nach Zeitpunkt dieser Beteiligung bzw. der Investition spricht man von sogenanntem Risikokapital (Venture Capital). Demnach ist unter Corporate Venture Capital (CVC) die Variante des Venture Capital zu verstehen, bei dem das zur Finanzierung eines Start-ups benötigte Eigenkapital von einem Unternehmen zur Verfügung gestellt wird, das nicht im Finanz-/Investmentbereich tätig ist.

CVC erscheint überall dort strategisch attraktiv, wo Familienunternehmer das Geschäftsmodell des eigenen Unternehmens absichern und ergänzen wollen – eben durch die enge Bindung von interessanten, potential-trächtigen Start-ups.

Die „Szene“ der Venture Capitalists und Corporate Venture Capitalists ist – weltweit betrachtet – eine sehr aktive Szene: Der Brancheninformationsdienst CB Insights zählte alleine im ersten Halbjahr 2017 insgesamt 4.763 Investments mit Risikokapital weltweit. Die CVCs – also Investoren mit unternehmerischen Zielstellungen – verantworten davon knapp 20%, d.h. 798 Investments weltweit, mit einem Investitionsvolumen von 13,3 Mrd. US-Dollar (alle Quellen: CB Insights (2017), The H1’17 Global CVC Report).

Als Strategieberater erfüllt uns ein wenig die Sorge, dass CVC als „Teil-Disziplin“ der strategischen Unternehmensführung – wie viele andere Trends – stark US-amerikanisch geprägt ist und an uns Europäern vorbeiläuft. So wurden im Zeitraum eines Jahres (Mitte 2016 bis Mitte 2017) nur zwischen 20 und 25% der CVC-Investments in Europa getätigt, während zwischen 54-59% der Investments nach Nordamerika geflossen sind.

Unternehmer vs Spekulanten Abbildung 1

Spannend ist auch, in welche Branchen die Corporate Venture Capitalists investieren: So sind im 2. Quartal 2017 43% der Investments in Internettechnologie geflossen, 15% wurden in Mobil- und Telekommunikationsanwendungen und weitere 14% wurden im Bereich Healthcare investiert.

Unternehmer vs Spekulanten Abbildung 1

Durchschnittlich investieren die CVCs 20,5 Mio. US-Dollar pro Investment mit Risikokapital. Zudem fällt auf, dass die CVCs durchaus risikofreudig in einer Frühphase in die entsprechenden Start-ups investieren.

Unternehmer vs Spekulanten Abbildung 1

50% der CVC-Investments weltweit werden in einer frühen Entwicklungsphase bzw. Finanzierungsrunde der Start-ups (der sog. „Seed-“ und „Series A-Investments“) getätigt.

Unternehmer vs Spekulanten Abbildung 1

Risikokapitalbeteiligungen werden weltweit immer attraktiver für Unternehmen, was sich an der kontinuierlich steigenden Anzahl an CVCs in den vergangenen Jahren deutlich zeigt.

Unternehmer vs Spekulanten Abbildung 1

Aus der Deutschen Wirtschaft leisten sich bereits die DAX- und MDAX-Größen BMW, Deutsche Telekom, Merck, Münchener Rück und Axel Springer, sowie weitere Konzerne und „große Mittelständler“ wie Bertelsmann, Bosch, Holtzbrinck und Boehringer Ingelheim eigene CVC-Abteilungen oder -Ableger, die jeweils unter den 100 weltweit aktivsten CVCs geführt werden.

In der aktuellen Periode von Niedrigzinsen und einem daraus resultierenden Überangebot an Liquidität kann für umtriebige Familienunternehmer ein günstiger Zeitpunkt sein, um den Grundstein für die eigenen Corporate Venture Capital-Aktivitäten zu legen – für eine gesteigerte Zukunftsfähigkeit des eigenen Familienunternehmens.